Ausverkaufte Premiere von Baby-Konzert in der Philharmonie

Wolfgang Kintscher
Foto: Kerstin Kokoska
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Die ausverkaufte Premiere eines Baby-Konzerts in der Philharmonie erwies sich als luxuriöse Variante der Krabbelgruppe: Mit Garderobenfrauen und einer Aufpasserin an der Tür des RWE-Pavillons, mit gedruckten Liedtexten für jeden und Seifenblasen-Pusten vom Veranstalter. So lässt sich gut entspannen, etwa bei Jacques Offenbachs Barcarole.

Essen. Seine Alternativen waren wohl a) raus auf den Spielplatz, dort einsauen und im Sand buddeln, b) Mama in eine der Krabbel-Gruppen mit angeschlossenem Kaffeekränzchen folgen, c) zuhause Bauklötze staunen und aufeinander türmen. Oder eben d) zum Konzert in die Philharmonie gehen. Paul hat den Weg in den Saalbau gefunden, nicht alleine zugegeben, es ist eine Premiere für den kleinen Mann, kein Wunder, Paul ist gerade mal ein Jahr alt.

Und deshalb irgendwie doch kein zuverlässiger Gesprächspartner, ob die „Expedition Klassik“, die seine Mama Jutta Hoffmann da mit ihm an diesem Mittwochmorgen für neun Euro Eintritt unternimmt, seinen Kulturgeschmack trifft oder doch eher nicht. Mal sehen, sagt sie und umreißt ihre Erwartungen mit „was Schönes unternehmen“: „Ich stelle mir jetzt nicht vor, dass die Kinder alle im Takt wiegen.“ Aber vielleicht, sagt sie lachend, „wird er ja mal Harfenist oder so.“

Da sollte man mehr Ironie als Ehrgeiz heraushören, denn wer mit einem Krabbelkind ins klassische Konzert geht, ahnt, dass ihm da das Vorurteil spürbar überspannter Eltern aus Besserverdiener-Haushalten entgegenschlägt, denen es nicht schnell genug gehen kann mit dem Bildungstempo. Weshalb nach Mozartscher CD-Beschallung des Nachwuchses im Mutterleib die nächste Stufe frühkindlicher Förderung zu zünden ist – Live-Konzerte mit einem Programm zwischen Brahms und Thielemanns. Soweit das Klischee.

Gedruckte Liedtexte und Seifenblasen

Doch an diesem Vormittag scheint es nicht zu passen: Wie die 40 Babys und ihre Mütter (ein paar Väter sind allerdings auch dabei) sich auf den ausgelegten bunten Matten fläzen und Harfenistin Nora Baldini sowie Hermann Keller am Bass zuhören, wie sie sich von Moderatorin Jutta Behrwind in auflockernden Spielpausen zum Mitsingen und -spielen animieren lassen, das wirkt wie eine überdimensionierte Ausgabe der zahllosen Krabbelgruppen, die sich zwischen Frintrop und Fischlaken zum Stelldichein treffen.

Zugegeben, es ist die Luxusvariante: mit Garderobenfrauen und einer Aufpasserin an der Tür des RWE-Pavillons, mit gedruckten Liedtexten für jeden und Seifenblasen-Pusten vom Veranstalter, und am Ende muss man noch nicht mal aufräumen. So lässt sich gut entspannen bei Jacques Offenbachs Barcarole aus der Oper „Hoffmanns Erzählungen“, bei Walzer-Medleys, Ungarischem Tanz oder Erik Saties „Gymnopédie Nr. 1“, das manches Baby aus der Werbung der Württembergischen Versicherung („Fels in der Brandung“) zu kennen scheint. Oder warum sind sie zum Start so leise?

Geheult wird zuhause

Nora Baldini an der gold-glänzenden Harfe wird später sagen, dass sie sich „nicht sicher war, dass das funktioniert“, schließlich nervt sie sonst im Konzert schon jedes erwachsene Husten. Hier dagegen fallen ihre Harfentöne auf einen einstündigen Klangteppich aus Baby-Bla-Bla, Glucksen und gelegentlichem Geknöttere, aber auf wundersame Weise wahrt der Nachwuchs den Respekt vor der Kunst: Keiner zieht sich am Instrument hoch und greift in die Saiten, keiner wird laut, hier ist Musik, und Musik ist schön. Geheult wird zuhause.

Zugegeben: Der Personalaufwand ist enorm, und über den Kostendeckungsgrad einer Veranstaltung, die mit Einnahmen in dreistelliger Eurohöhe aufwartet, sollte man wohl besser schweigen. Merja Dworczak, im künstlerischen Betriebsbüro der Philharmonie für die Kinder- und Jugendkonzerte verantwortlich, wirbt um Verständnis: Es geht darum, Kinder spielerisch an Klassik heranzuführen – und bei den Eltern Appetit zu wecken. Buchen die Babykonzertbesucher von heute die Klassik-Abos von übermorgen? Die nächste Verwertungsstufe wurde gestern jedenfalls schon auf dem Liedzettel angepriesen: „Das Küchenkonzert“ am 30. September , für 1- bis 3-Jährige. Und bis dahin? Der Spielplatz wartet schon auf Paul und Co.