Essen

Ausländer-Stopp bei der Tafel: „Wir“ gegen „die“ im Kampf um Brot und Gemüse – das darf nicht sein

Kunden der Essener Tafel stehen mit ihren Einkaufstrolleys vor dem Eingang der Ausgabestelle. Die Essener Tafel will keine nichtdeutschen Neukunden mehr aufnehmen.
Kunden der Essener Tafel stehen mit ihren Einkaufstrolleys vor dem Eingang der Ausgabestelle. Die Essener Tafel will keine nichtdeutschen Neukunden mehr aufnehmen.
Foto: dpa
  • Die Debatte um den Ausländer-Stopp bei der Essener Tafel wird immer heftiger geführt.
  • Unsere Kommentatorin findet: Die Sorge der Tafel-Mitarbeiter ist nachvollziehbar. Doch der Ausländer-Stopp ist ein fatales Signal.

Essen. Die Essener Tafel hat eine drastische Entscheidung getroffen. Sie nimmt nur noch Bedürftige auf, die einen deutschen Pass haben.

In den letzten Monaten gab es bei der Lebensmittelausgabe-Stelle Probleme mit Flüchtlingen und Migranten. Fremdsprachige junge Männer hätten mangelnden Respekt gegenüber Frauen gezeigt, sagt Jörg Sartor, Vorsitzender des Vereins. Tafel-Kunden berichten bei DERWESTEN von Schubsen und Drängeln.

Seit Tagen diskutiert ganz Deutschland über den Ausländer-Stopp. Die Gebäude der Essener Tafel wurden mit „Nazi“-Schriftzügen beschmiert. Jörg Sartor und sein Team stehen massiv unter Druck. Selbst die Kanzlerin hat sich zu dem Fall geäußert.

Die Sorge der Tafel-Mitarbeiter ist nachvollziehbar. Beleidigungen und abwertendes Verhalten dürfen nicht toleriert werden. Schubsen und Drängeln schon gar nicht. Doch der Ausländer-Stopp ist ein fatales Signal.

„Wir“ gegen „die“ im Kampf um Brot und Gemüse – das darf nicht sein.

Es ist erschreckend, dass alte Damen sich bei uns in Essen nicht mehr zu Tafel trauen. Es muss uns aber auch zu denken geben, wenn Deutsche sich über den Ausländer-Stopp freuen, weil sie nun „größere Chancen“ bei der Tafel haben.

Die Verteilung von kostenlosen Lebensmitteln wird so zu einer Art Überlebenstraining zwischen Bevölkerungsgruppen. Die Folgen der Entscheidung vertiefen Gräben in einer ohnehin aufgeheizten Stimmung.

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Dabei es geht auch anders. Die Tafel in Wattenscheid zeigt, wie eine faire Verteilung funktionieren kann.

Hier gab es schon 2015 ähnliche Probleme. In Wattenscheid kommen alte Menschen vor den anderen an die Reihe. Das Verständnis sei in den letzten Jahren gewachsen, sagt der Vorsitzende. In mühevoller Arbeit wird hier durchgegriffen, fördert die Tafel in Projekten und Gesprächen gegenseitige Toleranz (Hier weiterlesen ›).

In Essen sind jetzt die Stadt und Sozialverbände gefragt. Es muss eine gemeinsame Strategie geben, um die Probleme der Essener Tafel zu lösen. Das wird ein schwieriger und anstrengender Prozess. Jörg Sartor sollte daran mitwirken anstatt beim Ausländer-Stopp zu bleiben.

Gefährliche Stimmung

Aber auch Angela Merkel muss handeln, wenn wir endlich eine neue Regierung haben. Die Herausforderungen der Flüchtlingskrise werden am unteren Rand der Gesellschaft viel deutlicher als anderswo. Und sie zeigen sich nicht nur bei der Essener Tafel. Im Netz spielen Rechtsradikale schon seit Jahren Obdachlose gegen Flüchtlinge aus.

Diese Stimmung ist gefährlich. Einrichtungen und Vereine für sozial Schwache müssen finanziell besser ausgestattet werden, damit sie ihre Regeln durchsetzen können, ohne ganze Gruppen pauschal auszugrenzen. Das gilt für die Essener Tafel, aber auch für viele andere Institutionen.

 
 

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