Ausgebrannt, aber nicht erloschen

15 Meter bis zur Dusche. Unerreichbar weit. Sie müsste aufstehen, gehen, stehen. Was gestern noch selbstverständlich war, ist heute eine Aufgabe, sind viele Aufgaben, die zu bewältigen ein Tag nicht zu reichen scheint. Draußen wird es hell nach langer, schlaflos durchgrübelter Nacht und die immer gleiche Frage rotiert in ihrem Kopf: Reicht die Kraft für einen weiteren Tag?

„Das war nicht immer so. Im Gegenteil. Ich habe einen Job, ein Kind, ich schmeiße den Haushalt und dachte, ich hab das im Griff.“ Doch im Beruf wird es mehr. Mehr Aufgaben, mehr Zeit, die sie dort verbringt. „Natürlich merke ich, dass es mir schwerer fällt, mich zu konzentrieren, dass ich gereizt bin und fahrig, dass ich schlecht schlafe und dieses Bedürfnis nach Ruhe immer dringender wird.“

Doch es gibt keine Ruhe. Zu Hause fordert das Kind nach zehn Stunden Bürojob Aufmerksamkeit. „Es ist nicht so, dass sie es mir besonders schwer macht, im Gegenteil.“ Hier ein paar schlampige Hausaufgaben, da die verwüstete Küche. „Alles keine Katastrophe, und trotzdem explodiere ich. Das sollte sie nicht aushalten müssen.“ So kommt zu langen Tagen ohne Ruhe das schlechte Gewissen: „Warum bleibe ich nicht gelassen? Wieso kann ich darüber nicht lachen – sondern weine?“

Statt loszulassen, wird es verbissener. „Natürlich weiß ich, dass ich die T-Shirts nicht bügeln müsste, dass ich jemanden kommen lassen könnte, der die Fenster putzt. Aber das hieße, die Kontrolle über mein Leben abzugeben. Solange ich nichts aus der Hand gebe, habe ich nicht aufgegeben.“ Was Unsinn ist, das weiß sie selbst. „Vor fünf Jahren war ich an einem Punkt, an dem es nicht mehr weiter ging. Ich habe mich hingesetzt, geweint und konnte das nicht stoppen.“

Kein Weinen mit Schluchzern. „Es war richtig unheimlich. Plötzlich liefen die Tränen und ich konnte nicht aufhören, zu weinen. Ich konnte nicht aufstehen. Ich konnte nichts denken. Als wäre ich völlig leer und die Welt tief traurig. Ständig hatte ich Panik, dass jemand kommt und etwas von mir will.“ Wenn der Briefkastenschlitz klapperte, wenn das Telefon ging. „Selbst vor meiner Tochter habe ich Angst gehabt, weil sie einfach Aufmerksamkeit wollte.“

Wenn das Kind in der Schule ist, kommt die Grübelei. „Wie kriege ich es hin, das Mittagessen zu machen? Was sage ich, wenn ich Hilfe brauche? Wie mache ich klar, dass ich keine Nähe ertragen kann, weil ich selbst für mich das Gefühl verloren hab, für jemand anderen erst recht nichts mehr übrig ist?“ Panikattacken, Weinen, was auch ihr Umfeld alarmiert.

„Schließlich habe ich über Freunde schnell einen Psychotherapeuten gefunden, der mir geraten hat, in eine Klinik zu gehen.“ Die Symptome sind die einer Depression. Doch eine psychische Störung kann sie vor sich selbst nicht zugeben. „Burnout hingegen konnte ich akzeptieren. Es signalisiert: Du hast alles gegeben, bist nicht einfach eine Heulsuse, die sich hängen lässt, sondern hast Dein Bestes getan, um alle Bälle in der Luft zu halten, bis es schließlich so viele Bälle waren, dass nichts mehr ging.“

Drei Monate fällt sie aus: „Ich war erst skeptisch, doch die Zeit in der Klinik war wichtig. Keiner wollte etwas von mir, kein Telefon, keine E-Mails, niemand, den ich versorgen musste. Ich wüsste nicht, wann ich je so viel Zeit für mich gehabt hätte.“ Langsam erholt sie sich, kommt wieder zu Atem. „Ich weiß, dass mir das jederzeit wieder passieren kann, wenn ich nicht mit meinen Kräften haushalte.“

Heute zieht sie dann und wann die Reißleine. „Als wäre mein Motor heiß gelaufen und kurz vor dem Durchbrennen. Dann gönne ich mir zwei Wochen Auszeit. Meist geht es mir dann besser. Selbstverständlich ist das nicht. Wenn ich spüre, dass es zu viel wird, hör ich manchmal nach dem Aufwachen in mich, ob heute ein guter Tag wird, ich noch durchhalte und den Weg zur Dusche schaffe.“

 

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