Auf den Spuren des Eigensinns in Borbeck

aus. Auch Franz-Josef Gründges findet das immer wieder schön.
aus. Auch Franz-Josef Gründges findet das immer wieder schön.
Foto: WAZ FotoPool

Essen.. Die Borbecker Besonderheiten waren einmal legendär. Das hat nachgelassen. Der Nordwesten hat dennoch viel zu bieten - angefangen vom Schloss bis hin zum Markt. Borbeck-Aktivist Franz-Josef Gründges stellt seinen Stadtteil vor.

Kann ein Spaziergang, der die Borbecker Eigenheiten zum Thema hat, anderswo starten als am Schloss? „Hier ist jedenfalls so etwas wie unser zentraler emotionaler Bezugspunkt“, sagt Franz-Josef Gründges und damit hat der langjährige Borbeck-Aktivist ganz sicher Recht. Das hübsche Barockschloss, der weitläufige Park, das gesamte Ensemble mit Teich und Wirtschaftsgebäude, nicht zu vergessen die Residenzaue - all das steht unverwechselbar für Borbeck. Wenn die regierenden Äbtissinnen Ärger mit der immer selbstbewussteren protestantischen Essener Bürgerschaft hatten, zogen sie sich gern in ihre Sommerresidenz im gut katholischen Borbeck zurück, heißt es. Mit einem kleinen Augenzwinkern kann man sagen: Borbeck ist der einzige Essener Stadtteil, in dem das aristokratische Erbe so flächendeckend präsent, so Teil der Identität ist. Nicht mal der Bergbau, der hier wie im gesamten Essener Norden ein Jahrhundert lang beherrschend war und Borbeck ein rasantes Wachstum zum zeitweise „größten Industriedorf Preußens“ bescherte, hat daran viel geändert.

Die Sache mit dem „Industriedorf“ war unter alten Borbeckern ein wunder Punkt. Lange haderte man damit, dass die königliche Regierung in Berlin trotz einer allemal ausreichenden Einwohnerzahl die Stadtrechte hartnäckig verweigerte, bis 1915 die Eingemeindung alle Träume beendete. Alte Geschichten, aber sie haben lange einer gewissen Borbecker Eigenständigkeit Nahrung gegeben, einem Quäntchen Trotz gegen alles was „aus Essen“ kam.

Auf grünen Wegen

Allzu viel, räumt Gründges ein, ist von diesem Sonderbewusstsein nicht geblieben. Die traditionsreiche Wochenzeitung „Borbecker Nachrichten“ müht sich zwar, die Restbestände zu pflegen, es fehlen aber einfach zunehmend die Menschen und Milieus, die dafür stehen, die unverwechselbaren Typen, die Idealisten aus den früher mächtigen Bürger- und Verkehrsvereinen.

Vom Schlosspark bietet sich ein Spaziergang durch die Residenzaue an, um auf grünen Wegen nach Borbeck-Mitte zu kommen. Hier trifft man als erstes auf die Schlossarena, ein Ort, an dem sich vor Jahrzehnten wahrlich Bürgersinn bewies. Einst vom Boxsportler Ernst Dubois gegründet, dann dem Verfall preisgegeben, erbarmten sich Mitglieder des Schönebecker Jugendblasorchesters, krempelten Anfang der 1980er Jahre die Ärmel hoch und erhielten der Stadt so eine Open-Air-Spielstätte.

Vorsitzender dieser musikalischen Botschafter Borbecks in aller Welt war damals und dann noch sehr lange Franz-Josef Gründges. „Man konnte das hier doch nicht verkommen lassen“, sagt er heute. Es war, wenn man so will, der Beginn eines Weges, der ihn zu einer Stimme des Stadtteils, fast zu einer Art „Mr. Borbeck“ werden ließ.

Mädchengymnasium ist wie ein örtliches Wahrzeichen

Am Rand der Residenzaue gehen wir an einer besonderen Schule vorbei, die eigentlich auch so etwas wie ein örtliches Wahrzeichen ist: Das Mädchengymnasium Borbeck ist die einzige städtische Schule in NRW, die sich dem Trend zur Koedukation bis heute verweigert. Geschafft hat man das nicht durch verklemmtes Moralisieren, sondern mit dem modern klingenden Argument der Frauenförderung: „Mädchen und Naturwissenschaften - das passt nicht zusammen, sagte man früher“, erinnert sich Gründges. „Die haben aber gezeigt, dass es doch geht.“ Der 66-Jährige war ein ganzes Berufsleben lang Lehrer bei der Borbecker Konkurrenz, dem traditionsreichen Gymnasium an der Prinzenstraße. Und er sieht derzeit mit Respekt und einiger Sorge, dass das Mädchengymnasium auch dank umtriebiger Öffentlichkeitsarbeit gute Anmeldezahlen hat, während sein „GymBo“ arg dahindümpelt.

Rasch ist man von hier in der Borbecker Innenstadt. Es ist Markttag, bestes Sommerwetter. Die Einkaufsstraßen, zumeist verkehrsberuhig, wirken dann recht vital. Auch Gründges weiß, dass das leider nicht immer so ist. Wie in fast allen Essener Mittelzentren kämpft auch in Borbeck der traditionelle, inhabergeführte Einzelhandel ums Überleben. Und die Zukunft des alten Karstadt-Hauses ist ungewiss.

Konkurrenz gab es früh: 1971 wurde in Mülheim das Rhein-Ruhr-Zentrum direkt an der Grenze zu Groß-Borbeck eröffnet, 1996 kam dann noch das Centro im nahen Oberhausen hinzu. „Ich finde allerdings, es wurde lange ein bisschen zuviel gejammert“, sagt Gründges. Erst relativ spät hätten die Borbecker Kaufleute begriffen, dass ein Stadtteilzentrum auch einladend sein und sich intensiv um die Kunden bemühen muss.

Einer, der viel für Borbecks Mitte geleistet hat, ist Jürgen Becker. Der Immobilienkaufmann ist wie Gründges ein Typ Bürger, den man jedem Stadtteil wünschen möchte, der aber immer seltener wird. Becker hat den alten Borbecker Bahnhof gekauft und die kleine hübsche Empfangshalle saniert. Er vermietete die Haupträume an eine Kinderhilfsorganisation, obwohl eine Kneipe mehr Geld gebracht hätte. Wenn eines der Bleiglasfenster im Bahnhof dem häufigen Vandalismus zum Opfer fällt, sorgt er sofort für Ersatz.

Das Nord-Süd-Klischee

Die „Alte Cuesterey“ am Fuß der Borbecker Hauptkirche St. Dionysius hat er als Ruine gekauft und in ein Veranstaltungszentrum für den Kulturhistorischen Verein umgewandelt, dessen Vorsitzender der 70-Jährige seit 1975 ist. Ihm gehören einige der hübscheren Häuser im Stadtteil, auch Altbauten, denen er den alten Stuck verpasste und die jetzt wieder eine Zierde sind. „Als Bürger darf man einfach nicht die Hände in den Schoß legen“, findet Becker.

Borbeck widerlegt das simple Klischee von der Zweiteilung Essens in einen reichen Süden und einen armen Norden. Einige der Borbecker Vororte - etwa Schönebeck, Bedingrade oder Gerschede - sind sehr beliebte Wohngegenden, obwohl man sich hier nördlich der A 40 befindet. Gründges und Becker sind sich allerdings unabhängig voneinander einig: Die Ende der 1970er Jahre mit viel Geld ins Werk gesetzte Stadtsanierung der Borbecker Mitte ist missraten. Ein Grund, weshalb das Zentrum als Wohnort wenig beliebt ist. „Das Beste draus machen“, sagt Gründges. „Nicht unterkriegen lassen“, ergänzt Becker. Ein Pragmatismus, der vernünftig ist. Grundlegend ändern lässt sich sowieso nichts mehr. Nicht in Zeiten so leerer Kassen.

 
 

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