Auch neue Straßenbahnen der Evag sind für Behinderte eine Falle

Marcus Schymiczek
Zugleich! An der Gervinusstraße wird Rüdiger Simons samt Rolli aus einer der neuen Essener Straßenbahnen vom Typ NF 2 gehievt.
Zugleich! An der Gervinusstraße wird Rüdiger Simons samt Rolli aus einer der neuen Essener Straßenbahnen vom Typ NF 2 gehievt.
Foto: WAZ FotoPool
Die soeben von der Evag gekauften Niederflur-Straßenbahnen vom Typ NF 2 offenbaren im Praxistest ernste Schwächen. Fahrgäste mit Rollstuhl oder Rollator, aber auch Eltern mit Kinderwagen haben Mühe beim Ein- und Aussteigen. Und die Räder der neuen Bahnen sind vier Zentimeter höher als die der alten.

Essen. Sie ist knapp 30 Meter lang, bringt 42 Tonnen auf die Waage und ist eine Verheißung für einen barrierefreien öffentlichen Personennahverkehr: die Niederflurbahn NF 2, jüngstes Pferd im Stall der Evag und ganzer Stolz des kommunalen Verkehrsbetriebes. Leider erfüllt die brandneue Straßenbahn aus dem Hause Bombardier nicht alle Erwartungen, der Alltagstest fällt deshalb durchwachsen aus. Wer mit Rollstuhl oder Rollator unterwegs ist, hat auch in der NF 2 seine liebe Not mit dem Ein- und Aussteigen.

Rüdiger Simons war jedenfalls arg enttäuscht, als er mit der NF 2 der Linie 109 nach Frohnhausen fuhr. Der 53-Jährige sitzt im Rollstuhl und ist auf Barrierefreiheit im ÖPNV angewiesen. An der Haltestelle Alfred-Krupp-Schule war er mit seinem Elektro-Rolli noch problemlos über die Rampe in die neue Tram gerollt; auch wenn er sich darüber wunderte, dass Fahrer Rüdiger Schwake die Einstiegshilfe per Hand herunterklappte und nicht elektronisch, wie es Simons bei einer 2,5 Millionen Euro teuren Straßenbahn erwartet hätte. Eine elektronische Steuerung sei zu störanfällig, heißt es dazu bei der Evag.

An der Gervinusstraße will Rüdiger Simons die Tram verlassen. Anders als an der Krupp-Schule hält die Bahn hier in der Straßenmitte. Der Fahrer winkt ab: der Höhenunterschied zwischen Fahrbahn und Einstieg sei zu groß, die Einstiegshilfe ließe sich nicht weit genug absenken und drohe abzubrechen, Simons Rollstuhl sei zu schwer. Letztlich packt ein kräftiger Fahrgast mit an, gemeinsam mit Rüdiger Schwake hievt er Simons samt Rolli aus der Bahn. „Ich hab’s überlebt“, scherzt der 53-Jährige, als er festen Boden unter den Rädern hat. Dabei ist ihm eigentlich nicht zum Lachen zumute.

Denn das Versprechen Barrierefreiheit gilt auf der Linie 109 nur mit Einschränkungen - auch nach der feierlichen Eröffnung des neuen Streckenabschnitts über den Berthold-Beitz-Boulevard. Nur zehn der insgesamt 21 Haltestellen zwischen den Endhaltestellen S-Bahnhof Steele und Breilsort sind wirklich barrierefrei. Mit der Haltestelle Schwanenbuschstraße, die derzeit umgebaut wird, sind es bald elf. Im gesamten Liniennetz der Evag gilt die Barrierefreiheit gar nur für jede fünfte Straßenbahnhaltestelle. Bis zum Jahr 2020 verlangt der Gesetzgeber Barrierefreiheit im ÖPNV. Bei der Evag machen sie kein Geheimnis daraus, dass dieser Zeitplan nicht zu halten ist. Und: 235 Millionen Euro müsste man investieren, um alle Haltestellen behindertengerecht umzubauen.

Selbst dort, wo die Evag ihr Freiheits-Versprechen erfüllt, haben Kunden, die mit Rollatoren oder Kinderwagen einsteigen, das Gefühl, die Einstiegshürde sei mit Inbetriebnahme der neuen Tram eher höher geworden. Das Gefühl trügt nicht. Die Evag erklärt es mit den brandneuen Rädern, im Fachjargon Radreifen genannt. Vier Zentimeter betrage der Höhenunterschied im Vergleich zu abgefahrenen Rädern älterer Tram-Modelle. Gar acht Zentimeter mehr beträgt der Höhenunterschied zwischen Fahrbahn und Einstieg, wo die neue Bahn auf frisch verlegten Schienen rollt. Bis die Bahn tiefer liegt, sei eine Frage der Zeit. Ein Trost, der nicht jeden überzeugen wird.