Essen

„Antisemitische Gewalt im Internet macht mir Angst“ - Mitglied der jüdischen Gemeinde in Essen prangert Übergriffe gegen Kinder an

Mitglieder der jüdischen Gemeinde Essens schicken ihre Kinder auf ein Gymnasium in Düsseldorf, um sie vor Übergriffen zu schützen.
Mitglieder der jüdischen Gemeinde Essens schicken ihre Kinder auf ein Gymnasium in Düsseldorf, um sie vor Übergriffen zu schützen.
Foto: dpa
  • Antisemitische Straftaten in Nordrhein-Westfalen nehmen zu
  • Die jüdische Gemeinde in Essen beobachtet vor allem Aggressionen an Schulen
  • Gibt es auch Essener Stadtteile, in denen Juden mit Übergriffen rechnen müssen?

Essen. „Kinder werden in Schulen immer häufiger gemobbt, wenn sie ihre jüdische Identität preisgeben“, hat Schwalwa Chemsuraschwili beobachtet. Er ist stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Kultus-Gemeinde Essens.

Die Zahlen stützen seine Beobachtungen. 2016 kam es in Nordrhein-Westfalen laut Innenministerium zu 297 antisemitischen Straftaten. Darunter: Volksverhetzung (202), Propagandadelikte (51), Sachbeschädigung (18) und Gewaltdelikte (2).

Ein leichter Zuwachs ist im Gegensatz zum Jahr 2015 erkennbar. Damals wurden 270 antisemitische Straftaten registriert.

Doch wie lassen sich die steigenden Zahlen erklären?

„Das größte Problem ist psychische Gewalt im Schulalltag“, da ist sich Chemsuraschwili sicher. Er erzählt von einem Fall aus seiner Verwandschaft: Ein Kind wurde so stark gemobbt, dass es die Schule verlassen musste. Mittlerweile geht es auf ein jüdisches Gymnasium in Düsseldorf.

Mobbing, Beleidigungen und Ausgrenzung seien Phänomene, die häufig in sozialen Medien auftreten würden. Daher fürchtet Chemsuraschwili antisemitische Gewalt im Internet.

Hingegen habe er in seiner Gemeinde noch keine Anfeindungen gegenüber Erwachsenen registriert. „Ich hörte von Übergriffen auf Juden in anderen Städten. Aber hier in Essen ist mir das noch nicht untergekommen“, sagt Chemsuraschwili.

Immer häufiger sollen auf offener Straße Juden, die eine Kippa getragen haben, angefeindet worden seien. So berichtet die „Zeit“ von Übergriffen auf Juden im arabisch geprägten Berliner Stadtteil Neukölln.

Ist Antisemitismus auch in Essener Stadtteilen erkennbar?

Die Aggressionen kämen vor allem aus der rechten Szene und dem „muslimischen Milieu“. „Besonders Menschen aus arabischen Ländern neigen zum Antisemitismus, denn dort ist die Judenfeindlichkeit häufig staatlich gesteuert“, meint das Gemeindemitglied Chemsuraschwili.

Die Kopfbedeckung Kippa, die vornehmlich jüdische Männer tragen, stelle laut Chemsuraschwili jedoch in Essen kein Problem dar. Dies habe einen ganz einfachen Grund: „Die wenigsten Juden in unserer Gemeinde tragen Kippa. Nicht, weil wir Angst haben. Sondern eher, weil vornehmlich orthodoxe Juden sie in der Öffentlichkeit anziehen.“

Das bedeutet das jüdische Neujahrsfest

Rosch Haschana, das jüdische Neujahrsfest, ist einer der beiden höchsten Feiertage des Judentums. Er erinnert an den Bund zwischen Gott und dem Volk Israel. Mit ihm beginnen Tage der Einkehr.
Das bedeutet das jüdische Neujahrsfest

Der stellvertretende Vorsitzende spricht in Essen von einer Einheitsgemeinde. Hier finden sich sowohl liberale als auch orthodoxe Juden zusammen. Größtenteils stammen sie aus der ehemaligen Sowjetunion.

Er könne sich allerdings vorstellen, dass das Tragen einer Kippa in bestimmten Stadtteilen Essens zu Problemen führen könnte.

Zentralrat der Muslime bestätigt den Eindruck

Aiman Mazyek, Vorsitzender der Muslime in Deutschland, bestätigte kürzlich diesen Eindruck. Im Interview mit der Funke Mediengruppe erklärte er, dass etwa Flüchtlinge aus arabischen Diktaturen „zum Teil leider antijüdisch sozialisiert“ seien.

Er verweist jedoch darauf, dass der „herkömmliche Antisemitismus“ durch „Propaganda“ einzelner AfD-Politiker wie Björn Höcke zugenommen habe.

Ob und wie stark Flüchtlinge antisemitische Straftaten begehen, ist kaum bekannt. Das Bundeskriminalamt erfasst seit 2016 gesondert Straftaten von Flüchtlingen und Asylbewerbern. Im Jahr 2016 registrierte die Polizei zwölf antisemitische Delikte, bei denen der Tatverdächtige ein Asylbewerber war.

 

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