Anti-PCB-Plan für Essener Recycler Richter

Die Firma Richter, eine Tochter der niederländischen van Hout-Gruppe, recycelt u.a. Elektroschrott auf dem Betriebsgelände an der Joachimstraße.
Die Firma Richter, eine Tochter der niederländischen van Hout-Gruppe, recycelt u.a. Elektroschrott auf dem Betriebsgelände an der Joachimstraße.
Foto: WAZ FotoPool
Je näher die Bewohner im Stadtteil Kray an den beiden Betriebsgeländen wohnen, desto stärker werden sie belastet. Um die gestiegenen Werte einzudämmen, haben Behörden nun eine 18-Punkte-Anordnung ausgearbeitet.

Kray. Stadt, Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) sowie die Bezirksregierung Düsseldorf machen den Krayer Recyclingbetrieb Richter verantwortlich für die gestiegene PCB-Belastung in der Krayer Luft. Die Firma hat bis Mitte Oktober Zeit, zu einem Anordnungspaket Stellung zu nehmen, das die Staubentwicklungen auf den Geländen an der Joachimstraße und vor allem an der Rotthauser Straße eindämmen soll: Das sind die Ergebnisse einer Versammlung im Krayer Rathaus mit über 100 Besuchern, in der Behörden-Vertreter berichteten.

„Es ist der Beweis gelungen für den unmittelbaren Zusammenhang der gestiegenen Belastung und den Grundstücken der Firma Richter“, stellte Umweltdezernentin Simone Raskob fest. Nach viel Bürgerprotest und verschiedenen Sicherungsmaßnahmen auf den Richter-Arealen in den 1990er und frühen 2000er Jahren schien das Thema Polychlorierte Biphenyle (PCB), giftige und krebsauslösende Chlorverbindungen, erledigt. Bis die Zahlen in den regelmäßigen Grünkohlproben wieder anstiegen (wir berichteten).

„Die Werte auf dem Betriebsgelände Rotthauser Straße sind sehr sehr hoch“

Nun hat man erneut gesucht und wurde fündig. „Die Werte auf dem Betriebsgelände an der Rotthauser Straße sind sehr, sehr hoch“, berichtete Dr. Katja Hombrecher vom Lanuv. Auch auf der Fläche an der Joachimstraße sind die Messergebnisse erhöht. Das fand man durch Tannennadel-, Staub- und Materialproben heraus. Die Zahlen sind bis zu sechs Mal höher als der Grenzwert, ab dem man einen Stoff als Sondermüll deklariert.

Was aber die Besucher weitaus mehr beunruhigte: „Die PCB-Immissionen reichen weiter in die Wohngebiete hinein, als wir angenommen haben“, so Dr. Katja Hombrecher. An Mechtenberg-straße, Bonifaciusstraße, Fichtel-straße und Dickstraße sowie am Werner-Viebig-Weg und Auf’m Berg untersuchte man Fichtennadeln. Ergebnis: Je näher die Richter-Areale, desto höher die Zahlen. Zum Vergleich: Der höchste gemessene Wert beträgt das Dreifache einer Messstelle in Leithe, bei der definitiv keine Richter-PCBs ankommen. Lanuv-Sprecher Peter Schütz ordnet ein: „Das sind Konzentrationen, die man im Auge behalten sollte.“

Das werde geschehen, versprachen die Behörden. Bis auf ein Befeuchten der Betriebsfläche oder sorgfältigeres Kehren, um die Stäube einzudämmen, so Britta Weinhuber-Cordes von der Bezirksregierung noch keine weiteren Details des 18-Punkte-Plans – und ohne die Nachfrage von Dezernentin Simone Raskob hätte sie wohl gar keine verraten. Zu groß ist die Angst vor Formfehlern mit Nachspiel vor Gericht. In Kray steht PCB wieder auf der Tagesordnung.

Vom „Schrotti“ zur Tochter eines Recycling-Konzerns

„Es geht hier doch um unsere Gesundheit. Wie kann es sein, dass der Betrieb nicht stillgelegt wird?“, fragte eine aufgebrachte Besucherin in der Bürgerversammlung im Rathaus. Die Dame ist neu im Thema – hätte sie schon in den Großkampfzeiten der Bürgerinitiative in den 1990er und frühen 2000er Jahren in Kray gewohnt, wüsste sie es besser: „Eine Genehmigung einzuziehen, das geht nicht so ohne weiteres“, antwortete Britta Weinhuber-Cordes von der Bezirksregierung Düsseldorf, wie auch ihre Vorgänger im vergangenen Jahrzehnt und dem davor. „Wir leben in einem Rechtsstaat, das Unternehmen genießt Bestandsschutz“, erklärte Dezernentin Simone Raskob.

Was für die Besucherin so schwer zu glauben ist, erklärt sich aus der Historie. Denn was Firmengründer und Schrotthändler Richter schon im Jahr 1962 mitten im Wohngebiet aus der Taufe hob, genießt zwar Bestandsschutz, aber hat sich längst in etwas ganz anderes verwandelt: Die Firma Richter ist heute die Tochter eines international aktiven Recyclingkonzerns, der niederländischen van Hout Gruppe. Die Ausweitungen der Aktivitäten ließ man sich Schritt für Schritt genehmigen. Völlig legal.

Der zweite Hemmschuh für die Gegner des Betriebs: Das oftmals industriefreundliche Umweltrecht sieht keine Grenzwerte für PCB vor, die genauen Gesundheitsrisiken sind noch gar nicht bekannt. Dietrich Keil, langjähriger Initiativensprecher und Anwohner kündigte an, die schlummernde Gruppe wieder zum Leben zu erwecken: „Die Belastungen sind zwar viel geringer geworden als früher – trotzdem sollten wir protestieren.“

 
 

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