Ans Bett gefesselt

Die Ankündigung von NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD), die gerichtlichen Genehmigungen von Leibgurten und Bettgittern im Pflegebereich stark zu reduzieren, ist in Essen auf viel Zustimmung gestoßen. „Ich glaube, dass sich mit sehr guten Alternativen wie herunterfahrbaren Betten oder speziellen Polstern 90 Prozent der freiheitsentziehenden Maßnahmen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen verhindern lassen“, hatte Kutschaty betont (die NRZ berichtete). Mit Aufklärung, Sensibilisierung und speziellen Schulungsangeboten der Justiz sei es in Nordrhein-Westfalen bereits gelungen, die gerichtlichen Genehmigungen der sogenannten Fixierungen von 23 730 im Jahr 2010 auf 14 281 im Jahr 2013 zu reduzieren. Dies entspreche einem Rückgang innerhalb von vier Jahren um rund 40 Prozent. „Ich werbe dafür, die Selbstbestimmung auch im Fall von Erkrankung möglichst lange zu erhalten“, sagte Kutschaty weiter. Fixierungen seien nicht in jedem Fall zu vermeiden, doch man müsse es in jedem Fall versuchen.

Gitter und Gurte

Kerstin Weber, Leiterin der Essener Krankenpflegeschule am Bildungsinstitut im Gesundheitswesen gemeinnützige GmbH (kurz BiG), gehört zu den Leuten, die in erster Linie Fixierungen erst einmal ablehnen: „Durch die Gitter und Gurte werden die Bewohner in ihrer Mobilität, Selbstbestimmung und Selbstständigkeit eingeschränkt. Und genau das soll in der Pflege gefördert werden. Viele werden durch die Hilflosigkeit sogar aggressiv“, mahnt Weber. Etliche Pflegekräfte würden die Patienten zu schnell fixieren. „Die Risiken werden ausgeblendet, weil wir schützen wollen. Das ist allerdings in vielen Fällen nicht förderlich“.

Gleichwohl gebe es Einzelfälle: „Es muss immer individuell entschieden werden“, betont Kerstin Weber. Zum Beispiel könne einem Menschen mit plötzlich auftretenden spastischen Zuckungen durch ein Bauchgurt geholfen werden, sich nicht selbst zu verletzen. „In erster Linie wollen wir den Patienten schützen und vor dem Sturz bewahren“, weiß Kerstin Weber aus eigener Erfahrung als Krankenschwester. Aber: „Stürze können nicht verhindert werden, sie gehören zum Alltag leider dazu“, sagt die Dozentin für den Bereich Pflegemanagement. „Durch die Gitter können die Patienten Quetschungen erleiden, wenn die Gliedmaßen zwischen den Stäben stecken bleiben. Ist ein Patient noch einigermaßen mobil, dann kann er auch über die Gitter klettern und auf den Boden fallen.“ Wenn ein Gurt beispielsweise am Rollstuhl nicht sachgerecht festgezurrt sei, könne der Patient nach unten rutschen und sich im schlimmsten Fall strangulieren.

Risiken minimieren

Die Risiken lassen sich minimieren – beispielsweise durch Antirutschsocken, Hüftschutzhosen mit Protektoren sowie genügend Sitz- und Haltemöglichkeiten. Bei Aufstehern könne eine Sensormatte installiert werden, die ein Signal an die zuständige Pflegerin sendet, die dann sofort nachschauen kann. Auch Niederflurbetten mindern die Gefahr beim Herausfallen. „Ich erinnere mich noch gut an eine Dame, die fast immer ihren Rollator überall hat stehen lassen und daraufhin oft gestürzt ist. Die Pfleger haben dann vorne einen Korb montiert und persönliche Dinge hineingelegt. Die Dame hat den Rollator dann nicht mehr aus den Augen gelassen“, erzählt Kerstin Weber und fügt hinzu, dass Balance-, Kraft-, Geh- und Stehübungen unumgänglich seien und ebenfalls das Sturzrisiko mindern.

Oftmals werden Fixierungen auf Wunsch von Angehörigen eingesetzt. Doch „einfach so“ jemanden ans Bett fesseln, das geht nicht: Nur im akuten Notfall dürfe jemand fixiert werden, also wenn Gefahr bestünde, ansonsten sei eine richterliche Genehmigung erforderlich. „Wenn ein Betreuer oder ein Angehöriger eine Fixierung fordert, dann schickt ein Richter einen so genannten Verfahrenspfleger, der unabhängig die Sachlage begutachtet und nach Fachgesprächen ein Urteil fällt. Kerstin Weber war selbst ein Jahr als Verfahrenspflegerin tätig und kennt daher die Vorgehensweise. „Es ist wichtig, im Team einen Plan zu entwickeln. Es geht nicht, dass der Frühdienst versucht, das Gitter abzubauen und der Spätdienst ohne Überlegung alles verriegelt“, mahnt Weber. Zudem sei es normal, wenn jemand die erste Zeit aus dem Bett falle, wenn das Gitter plötzlich fehle. Dann sei darauf zu achten, dass die Risiken gemindert würden.

Dennoch bleibt für Kerstin Weber unterm Strich die Erkenntnis: Fixierungen wie Bettgitter oder Bauchgurte werden zu schnell genutzt. In erster Linie sollten die Pfleger gemeinsam ein Verfahren entwickeln, die Einschränkungen zu umgehen und Selbstständigkeit sowie Mobilität zu fördern und sich in die Position des Patienten hineinversetzen. Die Pfleger sollten das eigene Handeln hinterfragen und auch mutig gegenüber neuen kreativen Lösungen sein. In jedem Fall müsse allerdings individuell entschieden werden, da freiheitsentziehende Maßnahmen auch vor eigener Gefährdung oder derer anderer schützen können.

 

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