An Wirtschaftsförderer Georg Arens scheiden sich in Essen die Geister

Georg Arens, seit 1991 Chef der Wirtschaftsförderung, geht in Ruhestand.
Georg Arens, seit 1991 Chef der Wirtschaftsförderung, geht in Ruhestand.
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Essen.. Georg Arens, seit 1991 Chef der Wirtschaftsförderung, geht in Ruhestand. An dem Schnelldenker, Dauerredner, Antreiber, Macher schieden sich stets die Geister. Ein Porträt

Das Phänomen Georg Arens begreift man am besten auf freier Wildbahn. Jüngst etwa auf der Immobilien- und Investorenmesse Expo Real in München, als der langjährige Essener Wirtschaftsförderer in den „Pfälzer Weinstuben“ Hof hielt und am Nebentisch eine Gruppe Japaner in Business-Anzügen Platz nahm. Der Mann, der von sich sagt, er sei „in extremer Weise neugierig“, gerät dann in Unruhe. Japaner zur Messe-Zeit - da könnte was gehen. Ein Scherzwort geht zum Nebentisch und schnell ist - in geschliffenem Geschäftsenglisch - eine Unterhaltung im Gang. Was man denn so treibe in München, fragt Arens und man merkt, wie in seinem Kopf eine ganze Ansiedlungs-Story entsteht. Sind nicht schon die dollsten Sachen per Zufall entstanden? Elf Wochen vor der Pensionierung noch einen Coup landen – das wär’ was.

So, genau so tickt Georg Arens, lange einer der wirklich ungewöhnlichen städtischen Beamten, dann zwei Jahrzehnte Geschäftsführer der Essener Wirtschaftsförderungs-GmbH (EWG). 64 Jahre ist er alt und kurz vor Weihnachten hat er sein Büro in der Lindenallee verlassen – ungern, wie er offen einräumt. Zu übersehen war der Abschiedsschmerz sowieso nicht. Es sprach Bände und hatte etwas Getriebenes, wie Arens in den letzten Monaten eilig versuchte, noch Pflöcke einzurammen, um wenigsten ein paar seiner „Ich-hab-ja-noch-Tausend Ideen“ auf den Weg zu bringen. Man hätte ihn dann gern vor seinen eigenen Sprüchen in Schutz genommen, etwa als er Frohnhausen kurzerhand eine Zukunft als „Prenzlauer Berg von Essen“ andichtete. Andererseits: Vielleicht blicken wir in 30, 40 Jahren zurück und sagen, der Mann hatte Recht. Wer will das heute so genau voraussehen?

„Ich hatte sie ja alle hier sitzen“

Arens hat viel geschafft und immer viel von sich gehalten - und aus beidem keineswegs ein Geheimnis machte. „Ich hatte sie ja alle hier sitzen“, ist einer dieser Sätze, die er liebt. Oder: „Ich habe sie ja alle zusammengebracht.“ Mit „sie“ sind die Großen gemeint, Konzernchefs, Fondsmanager, Unternehmer, wichtige Politiker. Die mit denen ein Georg Arens („Ich muss in die Köppe rein“) auf Augenhöhe verkehrt - oder doch meint zu verkehren. Was hier Wahrheit und was Übertreibung ist, da gehen die Meinungen auseinander - je nachdem, ob der jeweilige Auskunftgeber Arens schätzt oder nicht. Kalt, soviel ist klar, lässt er kaum jemanden.

Arens liebte immer die großen Würfe, zelebriert das Denken in Netzwerken, Zusammenhängen und großen Dimensionen, räumlich wie zeitlich. Er wollte nie einfach nur Unternehmen ansiedeln oder in Essen halten – das können ja alle. Ihm ging es um nichts weniger als Essen neu zu erfinden, die städtebauliche Zerrissenheit zu überwinden, die industriebedingten Wunden zu heilen.

Eine Vision, die richtig war und richtig bleibt und deren vorläufige Ergebnisse nicht nur, aber vor allem westlich der Innenstadt, auf dem alten Krupp-Areal, zu besichtigen sind. Arens ist im Grunde weniger Wirtschaftsförderer, vielmehr ein verhinderter Stadtplaner, wobei er beides sowieso für untrennbar hält.

„Essen ist doch jetzt erst eine richtige Stadt“

Stadtplaner – das heißt in Arens’ Kosmos natürlich nicht, in Stadtteil-Bürgerversammlungen Lieschen Müller mit Engelszungen diesen oder jenen Bebauungsplan schmackhaft zu machen. Ein Georg Arens nimmt Maß an den ganz Großen, an Männern, die Geschichte machten, die Städten ihren Stempel aufdrückten. Seine diesbezüglichen historischen Kenntnisse von Florenz bis Paris, von Berlin bis New York sind eindrucksvoll, er liebt es, ein bisschen damit anzugeben. „Wissen Sie, ich bin ein Bildungsbürger“ - so ein Satz fällt gerade Bildungsbürgern im Allgemeinen schwer. Ihm nicht.

„Essen ist doch jetzt erst eine richtige Stadt“, sagt er. „Jetzt“ heißt natürlich: nachdem er sie in die richtigen Bahnen lenkte. Und dann zählt er auf: Verdichtung der Stadt und damit ein Mehr an Urbanität? Dank seiner Arbeit unumkehrbar. Gewerbesteuer? Derzeit doppelt so hoch wie in Dortmund. Schreibtisch des Ruhrgebiets? Der Titel gebührt Essen, nicht mehr Düsseldorf. Neue Arbeitsplätze? 40.000, darunter viele, die Arens sich auf seinem Leistungskonto gut schreibt, weil in seiner Ära 800.000 Quadratmeter neuer Büroraum entstand - Zweifel am Sinn seiner Hochhaus- und Dienstleistungsstrategie hält er damit für erledigt.

Einfach klingende Antworten

Auch für schwierige Fragen hat Arens eine einfach klingende Antwort. Wie steht’s um die immer wieder bezweifelte Zentralität? „Essen hat bedeutend mehr Ein- als Auspendler“ - und habe insofern durchaus Metropolen-Funktion. Was tun gegen den Bevölkerungsverlust? „Mehr qualitativ hochwertiger Wohnraum muss her, damit die, die täglich nach Essen pendeln, endlich auch hier leben können.“ Generell gelte: „Die Wachstumsstory dieser Stadt ist nicht zu Ende.“ Noch Fragen? Danke, im Moment keine.

Derzeit umtreibt den Dauer-Umtriebigen die Vision einer fahrradgerechten Stadt. „250.000 Essener leben im 500-Meter-Radius zum nächsten kreuzungsfreien Radweg“, hämmert der passionierte Radfahrer jedem, der es hören oder nicht hören will in den Kopf. Was das für ein Potenzial habe in künftigen Zeiten einer „weichen“, energiesparenden Mobilität, liege ja wohl auf der Hand. Arens hört sich bei dem Thema an wie ein Grüner, was aber täuscht. Die Öko-Partei war und ist ihm viel zu kleinkrämerisch. Und alle anderen im Grunde auch. Arens ist parteilos, und das ist auch gut so. Einer wie er, Vielredner und schlechter Zuhörer, würde sich nur in einer Arens-Partei wohlfühlen.

Kritik am kleinen Karo

Mit einem derart berstenden Selbst- und Sendungsbewusstsein und den manchmal ermüdend häufigen „Ich-ich-ich“-Salven kann natürlich nicht jeder umgehen. Politiker und Verwaltungsleute, die es hübsch langsam und schematisch mögen, finden jemanden, der sich mal „Entscheidungsmaschine“ nannte, bestenfalls komisch. Wenn umgekehrt Arens meint, sein Gegenüber gehe intellektuell nicht ganz dasselbe Tempo wie er, dann kann er ziemlich pampig-arrogant werden. Und wenn er findet, es regiere das ganz kleine Karo, sind Zerwürfnisse fast unausweichlich. Er fand das zuletzt in Essen relativ oft.

Wie schafft es jemand mit diesem Naturell, in einem meist behäbigen, manchmal intriganten Mikrokosmos so lange zu überleben? Nun, Erfolg schützt eben. Georg Arens hat zweifellos mitgeholfen, die Stadt voranzubringen, wichtige Konzerne zu halten, andere zu locken. Dass beispielsweise die Deutsche Bank am Bismarckplatz eines ihrer großen Service-Zentren ansiedelte, wäre ohne Arens’ Kontakte schwierig geworden.

Das nötige Maß an Geschmeidigkeit

Bei aller Selbst-Glorifizierung verfügt Arens aber auch über das notwendige Maß an Geschmeidigkeit, sonst hätte er kaum so unterschiedlichen Stadtherren dienen können. Zwischen, sagen wir, Willi Nowack, dem durchtriebenen SPD-Fraktionschef der 1990er Jahre und dem Oberbürgermeister der 2000er Jahre, Wolfgang Reiniger, liegen Welten. Arens konnte aber letztlich mit beiden.

Reiniger, der emotionale Schnelldenker wie Arens nicht gerade liebte, hat ihn dennoch meistens machen lassen, was der Stadt (und ihm) durchaus nutzte. Reinhard Paß kam schon erheblich schlechter mit Redeschwall und Tatendrang zurecht. Zwar ist Arens’ Geniekult in eigener Sache in der Tat schwer erträglich. Doch darf man bezweifeln, ob es nötig und geschickt war, derart forsch auf einen Neuanfang in der Wirtschaftsförderung zu drängen und Arens das halbe Jahr bis zum 65. nicht mehr zu gönnen. Wie tödlich der OB damit den ohnehin nachtragenden EWG-Chef beleidigte, zeigt die Tatsache, dass dieser sang- und klanglos ging. Die Art dieses Abgangs ist überall aufmerksam registriert worden – dafür hat schon Arens selbst gesorgt.

Mit dem Ikea-Ausbau gescheitert

Mit seinem letzten großen Projekt, der Erweiterung von Ikea, dem forcierten Ausbau der „zweiten Innenstadt“, ist Arens gescheitert. Nicht nur Planungsdezernent Hans-Jürgen Best, mit dem er eine komplizierte Konkurrenz-Freundschaft pflegte, erschien dieser Plan als zu riskant für die traditionelle City. Arens, der Veränderungen stets eher als Chance begreift (und schon deshalb ein Exot ist), empfindet dies bis heute als kleinmütig.

Eines muss man ihm lassen: Er liebt diese Stadt mit rührender Inbrunst. „Ich bin ein leidenschaftlicher Essener“, sagt der gebürtige Bochumer, dessen Vater ein traditionsreiches Möbelhaus in der Nachbarstadt besaß. Und obwohl es an Angeboten nicht mangele, wolle er auch beratend nicht in die Dienste einer Konkurrenzstadt treten, beteuert er. Mal sehen, ob er das durchhält. Die Fitness des 64-Jährigen ist jedenfalls furchterregend. Auf dem Fahrrad lässt er spielend auch weit Jüngere zurück.

Und die Japaner in den „Pfälzer Stuben“ in München? Waren doch nicht zum Investieren da. Aber einen Versuch war es wert.

 
 

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