An der Ruhr in Essen startet die Taucher-Saison

Der Einstieg ins Wasser ist beschwerlich. Es ist nicht leicht, an der steilen Uferböschung das Gleichgewicht zu halten.
Der Einstieg ins Wasser ist beschwerlich. Es ist nicht leicht, an der steilen Uferböschung das Gleichgewicht zu halten.
Foto: Alexandra Roth
Trotz der anhaltenden Kälte wagen sich die Unterwasser-Sportler von „Dive in Essen“ in die Tiefen der Ruhr. Bis Ende September können die Taucher den Fluss als Trainingsgewässer nutzen. Wir haben unsere Ausrüstung angelegt und sind mit ihnen abgetaucht.

Essen-Überruhr.. Tauchlehrer Holger Cremer steht am Ufer der Ruhr und betrachtet die Strömung. „Das kann heute ja spaßig werden“, sagt der 44-Jährige beim Blick auf die vorbeirauschenden Fluten. Ein Grund, aufs Tauchabenteuer zu verzichten, ist die Strömung aber nicht. „Wer in der Ruhr taucht, macht das schon, um Action zu erleben“, sagt Cremer. „Das Tauchen im Fluss ist etwas Besonderes - und nicht unbedingt für Anfänger geeignet.“

Cremer hat einen Tauchladen in Rellinghausen. Und seit 2010 hat er eine Sondergenehmigung für das Tauchen in der Ruhr. Von Anfang April bis Ende September dürfen er und die Mitglieder seines „Dive in Essen“-Clubs zum Training in dem Gewässer abtauchen. Jetzt beginnt für sie die Flusstauch-Saison 2013. Erst gestern waren sie wieder auf Erkundungstour in der Ruhr – bei eisigen fünf Grad Wassertemperatur. Und wir gingen mit ihnen auf Tauchstation.

Mittwoch, neun Uhr am Morgen. Parkplatz am Bootshaus Ruhreck an der Langenberger

Straße. Die Sonne scheint, wärmt aber nicht. Autofahrer machen große Augen, als sie sehen, dass eine Gruppe Taucher ihre Neopren-Anzüge überzieht. Alexander Kriegel (39) hält ein Klemmbrett in der Hand. Daran befestigt sind Satelliten-Fotos des Ruhr-Abschnitts zwischen Steeler Freibad und der Eisenbahnbrücke, die etwas oberhalb der Kurt-Schumacher-Brücke die Ruhr quert.

Tauchen nur in Zweier-Teams

Beim sogenannten „Briefing“ erläutert Kriegel die Spielregeln des Flusstauchens: Nur im Zweier-Team dürfen wir ins Wasser, jeder Taucher kontrolliert die Ausrüstung seines Partners und - ganz wichtig - beim Gang zum Wasser sollten wir auf Fahrradfahrer achten.

Neoprenanzug schränkt Bewegungsfreiheit ein

Über die steile Uferböschung steigen wir in den Fluss. Keine leichte Aufgabe, wenn man mit Bleiklötzen bepackt ist und eine massive Stahlflasche auf dem Rücken trägt. Der dicke Neoprenanzug schränkt die Bewegungsfreiheit zusätzlich ein. Die Kopfhaube sorgt dafür, dass man Umgebungsgeräusche nur leise wahrnimmt. Dann sind alle Taucher im Wasser. Meine Teampartnerin Nicole Kulla (18) gibt das Zeichen zum Abtauchen. Dann geht es los. Beobachter am Flussufer sehen plötzlich nur noch Luftblasen.

Strömung reißt am Körper

Unter Wasser vernebeln Algen und Schwebeteilchen die Sicht. Es ist nicht zu erkennen, was zwei, drei Meter vor der Tauchmaske geschieht. Hier unten, so scheint es, gibt es nur drei Farben: Grün, Braun und Gelb. Die Strömung reißt am Körper. Nur mit kräftigen

Flossenschlägen kommen wir voran. Die Orientierung ist schwierig. Es gibt keine markanten Punkte, an denen der Blick hängen bleiben könnte. Steine, überall Steine. Große, kleine. Keine Fische weit und breit.

Irgendwo muss es hier doch Fische geben. Warum sonst sitzen bei Wind und Wetter Angler am Ufer der Ruhr? Auch Tauchlehrer Cremer hatte vor dem Abtauchen von der Unterwasser-Fauna berichtet: Aale, Forellen, Zander, Hechte - das alles habe er schon in der Ruhr gesehen. Heute verstecken sie sich.

Zivilsationsmüll in der Ruhr

Was es in der Ruhr gibt, und das nicht zu knapp, ist Zivilisationsmüll jeder Art. Wir finden zum Beispiel einen Kinderroller und das Steuer eines Bootes. Das andere Tauch-Team um Cremer und Kriegel berichtet später von Golfbällen, Autokennzeichen und einem Handy.

Mit Tauchen, wie man es an tropischen Urlaubszielen erlebt, hat der Abstieg in die Tiefen der Ruhr nichts zu tun. Doch es hat seinen Reiz. Taucher im Ruhrgebiet sind offenbar hart im Nehmen. Und pragmatisch veranlagt sind sie wohl obendrein. „Wer im Ruhrgebiet tauchen will“, sagt Tauchlehrer Cremer, „hat halt nicht viele Möglichkeiten.“

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