An der Hauptschule Karnap war Integration ein Fremdwort

Foto: ARD

Essen..  Der ARD-Film „Kampf im Klassenzimmer“, der schonungslos die Integrationsprobleme aufzeigt, hat eine heftige Debatte ausgelöst. Mancher sieht die Realität gut abgebildet, andere sprechen von Übertreibungen.

Man kann nur mutmaßen, warum dieser Film so spät lief, verdient hätte er einen Sendeplatz deutlich vor Mitternacht: Die ARD-Dokumentation „Kampf im Klassenzimmer“ hat ebenso drastisch wie seriös vorgeführt, wie es in manchen Ecken der Stadt um die Inte­gration bestellt ist, wie unverhohlen sich vor allem große Teile der libanesischen Community in Essen in einer Parallelwelt eingerichtet haben. Das böse Wort von der „Horrorschule“ („Bild“) mag für die vor wenigen Wochen aufgelöste Hauptschule Karnap übertrieben sein, ganz offenkundig aber waren hier schwere Inte­grationsprobleme wie unter dem Brennglas versammelt: Schüler mit arabischen und türkischen Wurzeln, die eine respektlose, brutale und frauenfeindliche Schreckensherrschaft etablierten, deutsche Schüler in der Minderheit, die zu kuschen hatten, dazu hilflose Eltern und ratlose Lehrer - selten, vielleicht nie wurden diese Essener Missstände medial so offen thematisiert.

„Alles, was der Film gezeigt hat, stimmt. Das ist leider die Realität“, sagt Guido Reil, SPD-Ratsherr, Karnaper und seit vielen Jahren integrationspolitisch engagiert. Der Sozialdemokrat räumt ein, manchmal das Gefühl zu haben „gegen Windmühlenflügel zu kämpfen“. An Programmen und Projekten, Sozialarbeitern und Kontaktbeamten mangelt es gerade in Essen nicht und dennoch scheint das Ergebnis bescheiden. „Es ist schlechter geworden, nicht besser“, sagt Reil. Gründe? „Der Islamismus, die berufliche Perspektivlosigkeit - da kommt einiges zusammen.“

„Wir müssen weiter miteinander reden“

Es mangelt nach Reils Beobachtung im Gegensatz zu früher bei allzu vielen Migranten an der Bereitschaft, sich ganz konkret auf die deutsche Gesellschaft einzulassen. „Als ich jünger war, war es normal, dass man als Deutscher von muslimischen Familien eingeladen wurde.“ Heute habe dies Seltenheitswert. Bei allen Anflügen von Resignation - eine andere Chance als die Probleme weiter zu bearbeiten gebe es nicht. Reil: „Wir müssen reden, wir müssen den Dialog suchen, gerade auch mit den Eltern - Scharfmacherei hilft nicht weiter.“

Während Reil den Realismus des Films lobt, gibt es etwa im Schulverwaltungsamt auch andere Meinungen. „Der Film ist wegen seiner direkten Art kontraproduktiv“, sagt Schulamtsdirektor Klaus Leman­czyk. So sei fraglich, ob die Lehrerin Brigitta Holford, die im Film breit zu Wort kommt, gut beraten war, mit der Klasse das Thema Sexualität und Frauenfeindlichkeit zu diskutieren. „Damit erreicht man doch keine Akzeptanz.“ Und wenn ein muslimischer Schüler in der Hauswirtschaftsstunde während der Ramadan-Zeit ins Essen spuckt, müsse sich die Lehrkraft fragen, „ob sie mit genügend Fingerspitzengefühl an das Thema herangegangen ist“, denn: „Man kann ja während des Ramadan auch mal Theorie machen.“

Künftig „Null Toleranz“

Hart geht der pädagogische Leiter des Büros für Interkulturelle Arbeit (RAA), Helmuth Schweitzer, mit dem Film und der türkisch-stämmigen Filmemacherin Güner Balci ins Gericht: „Man kennt ja die Autorin und hätte wissen können, was dabei herauskommt“, so Schweitzer. Besser wäre wohl gewesen, wie 50 andere Hauptschulen die Drehgenehmigung zu verweigern. „Der Film ist nicht differenziert genug. Was soll der voyeuristische Blick auf diese Schule bringen?“ Es sind wohl solche Meinungen, die die ebenso engagierte wie leidgeprüfte Lehrerin Brigitta Holford meinte, als sie im Film forderte, endlich das Gesundbeten einzustellen: „Es muss offen geredet werden!“

Offen hinsehen will immerhin Schul- und Sozialdezernent Peter Renzel, jedenfalls künftig: „Wir haben aus dem Fall gelernt.“ In der Hauptschule Wächtlerstraße im Ostviertel, in der die Karnaper Hauptschule aufging und in der auch Schulleiterin Roswitha Tschüter weiterarbeitet, soll es effektivere Sozialarbeit, aber auch eine klare Ansage geben: „Null Toleranz bei Grenzüberschreitungen.“ Man darf gespannt sein.

 
 

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