„Alte Helden“ sorgen für vorgezogene Bühnen-Bescherung

Martina Schürmann
„Früher war mehr Lametta“, möchte man mit Loriot sagen. Die „Alten Helden“ thematisierendas Fest mit  künstlerischem Ernst und Augenzwinkern.
„Früher war mehr Lametta“, möchte man mit Loriot sagen. Die „Alten Helden“ thematisierendas Fest mit künstlerischem Ernst und Augenzwinkern.
Foto: Stefan Arend
Weihnachten im Mai: Die Alten Helden im Schauspiel Essen lassen „alle Jahre wieder“ mit Witz  und Improvisationslust Rituale und Erinnerungen aufleben.

Essen. Den ersten Spekulatius knabbern wir im September. Die Weihnachtsgans liegt ab Oktober auf Eis. Und das frühe Stück zum Fest liefern die „Alten Helden“ im Schauspiel Essen schon mitten im Mai. „Weihnachten. Ein Gesellschaftsspiel“ heißt die Inszenierung, die am Freitag, 27. Mai, um 19 Uhr in der Box des Schauspiel Essen Premiere hat.

Statt Premierensekt gibt’s diesmal Gebäck und Glühwein und die Deko-Abteilungen der Kaufhäuser hat die Theater-Requisite vorsorglich schon vor Monaten geplündert. „Ja, ist denn schon Weihnachten?“, möchte man da ein wenig überrascht im Angesicht von Tannengrün und Lametta mit dem berühmt gewordenen Beckenbauer-Zitat fragen. Aber mit ein bisschen zeitlichem Abstand amüsiert es schließlich viel leichter über den ganz normalen Weihnachts-Wahnsinn, die Einkaufshektik, den Familienstress, den Friede-Freude-Bescherungs-Druck. Und ein bisschen skurril und vergnüglich soll es zugehen, wenn die „Alten Helden“ diesmal ins Theater bitten. Sieben Damen und Herren zwischen Anfang 60 und Mitte 70, die sich nach der Rente noch mal eine neue Herausforderung vorgenommen haben: Rampenlicht statt Ruhestand.

Wahrhaftigkeit und Engagement

Regisseurin Sarah Mehlfeld hat das Seniorenprojekt des Schauspiel Essen schon im vergangenen Jahr geleitet. Nach Michael Endes Momo-Variation sollte das Thema Zeit diesmal aber eine ganz andere Rolle spielen. Ein Theater-Stück zur Unzeit ist schließlich herausgekommen. Mit Weihnachtsbaumblindaufstellen, Plätzchenwettausstechen und einem Quiz, das die reifen Theaterlaien jeden Abend vor neue Herausforderungen stellt. Denn statt einen festen Text auswendig zu lernen, müssen die Alten Helden diesmal an jedem der vier Vorstellungsabende Spontanietät beweisen. „Es hat mich wahnsinnig gereizt, mit Senioren zu improvisieren“, erklärt Regisseurin Sarah Mehlfeld, die das Gameshow-Format mit flotten Jingles und munteren Rate-Spielchen garniert. Da tritt „Team Weihnachtsbaum“ gegen „Team Weihnachtsmann“ an, werden statt Lichterketten flotte Assoziations-Reihen geknüpft und auch eigene Kindheitserinnerungen an das Weihnachtsfest wach gerufen. „Unsere Christbäume waren am Himmel“, hat ein Teilnehmer seine Kindheit im Bombenhagel ausgemalt. Und wie nachvollziehbar klingen da am Ende des Abends Wünsche und Hoffnungen auf ein Leben ohne Krieg.

Wahrhaftigkeit und Engagement ist das, was Sarah Mehlfeld an ihrem Ensemble fasziniert. „Wer im Seniorenalter ans Theater kommt, der ist noch nicht fertig, der sucht noch etwas“, hat die 34-Jährige festgestellt und das ist in jeder Hinsicht positiv gemeint. Sich noch mal etwas Neues zuzumuten, den Teamgeist zu trainieren und das Scheitern zu wagen – damit ist man nicht nur mit einem Weihnachtsstück im Mai manchem Zeitgenossen weit voraus.