Als Post und Polizei den Piratensender "Radio City" aushoben

Gerd Niewerth
2014: Udo Waldenburger vor der Saarbrücker Straße 78, vor 40 Jahren Sitz des Piratensenders „Radio City014.
2014: Udo Waldenburger vor der Saarbrücker Straße 78, vor 40 Jahren Sitz des Piratensenders „Radio City014.
Foto: WAZ Fotopool
Es stand in der WAZ-Rubrik „Essen vor 40 Jahren“: Essener Jugendliche betrieben 1974 für kurze Zeit den Schwarzsender „Radio City“. Dann hoben Post und Kriminalpolizei „Radio City“ in Huttrop aus. Led Zeppelin-Fan Udo Waldenburger war einer der Schwarzfunker. Heute ist er 59 Jahre alt. Ein Besuch.

Essen. In Udo Waldenburgers gemütlicher Dachgeschosswohnung auf der Markgrafenstraße sind die wilden Siebziger sehr lebendig. An den Wänden hängen kultige Schallplatten-Cover wie kostbare Museumsexponate: gerahmt, beleuchtet und innig verehrt. Hier Jimi Hendrix und die Doors, dort Pink Floyd und Led Zeppelin. Absolut Retro und analog: der Plattenspieler und die Telefunken-Tonbandmaschine.

Lauter Dinge, aus denen sich eine der spannendsten Geschichten zusammensetzt, die der 19-Jährige in seiner Sturm & Drang-Zeit erlebt hat: die kühne Karriere als Schwarzfunker von „Radio City“.

Letzten Mittwoch hat die WAZ in der Rubrik „Essen vor 40 Jahren“ an diese Episode erinnert. Von Jugendlichen zwischen 17 und 21 ist darin die Rede, von einem verwegenen Quintett, das damals illegal auf Ukw 97,6 (neben WDR und BFBS) sendete und von der Polizei ausgehoben wurde. Am selben Tag meldet sich Udo Waldenburg in der Redaktion und gesteht amüsiert: „Ich war einer der Schwarzfunker.“

Sendezentrale im Kinderzimmer

Ortstermin auf der Saarbrücker Straße in Huttrop. Der 59-Jährige deutet auf die Nummer 78 und sagt: „Ja, von hier haben wir damals gesendet.“ Wir - das waren im Kern Detlef, der dort bei seinen Eltern wohnte, und die beiden Freunde Jürgen und Udo. „Wir kannten uns alle von der Schule.“

1974 - das war nach damaliger Zeitrechnung das Jahr fünf nach Woodstock. 1974 - das war auch die Zeit, als sich Jungs aus Protest gegen spießige Eltern die Haare bis über die Schultern wachsen ließen, und sich mit „Persiko“, „Lambrusco“ und harter Rockmusik zudröhnten. „Leider waren Schallplatten zu teuer und im Radio dudelten sie fast nur Heino und Rudolf Schock“, erzählt Udo Waldenburger.

Wenn’s ging, hörten sie deshalb den legendären holländischen Piratensender „Radio Veronica“. „Der war absolut kult.“ Irgendwann im Frühjahr ‘74 tauschten sie die Rolle, Empfänger verwandelten sich in Sender, Hörer in Radiomacher. „Kein Scherz, die Sendezentrale von Radio City befand sich in Detlefs Kinderzimmer“, erzählt der Ex-Piratenfunker. Detlef, der begnadete Technikfreak, habe einen Armeesender samt Sennheiser-Mikrofon besorgt, Udo Waldenburger und Kumpel Jürgen steuerten das Tonbandgerät und Schallplatten bei. „Jeder hat alles gemacht - du warst Moderator, Diskjockey und Programmdirektor in einer Person.“

Bei Led Zeppelin wieder jung fühlen

Zuerst sendeten sie nur stundenweise am Wochenende, doch als die Eltern in die Osterferien verreist waren, ließen sie es in der sturmfreien Bude so richtig rocken. Da funkte Essens erster Piratensender fast rund um die Uhr und versorgte die ganze Stadt mit der fetzigsten Musik im Land. „Unser Sender war so stark, dass wir den Polizeifunk glatt überstrahlt haben.“ Nun, sehr lange sollte „Radio City“ nicht blühen, die Polizei erwischte sie in flagranti und beschlagnahmte Platten, Tonbänder und Mikrofon samt Sender. Waldenburger brummten sie ein Jahr später „im Namen des Volkes“ eine für damalige Verhältnisse saftige Geldbuße von 200 D-Mark plus 337 DM Anwaltskosten auf.

Und was ist aus den Piratenfunkern geworden? Udo Waldenburger sollte als Messebauer die Welt kennenlernen. Wo einst wallende Mähne war, ist heute Glatze. Geblieben sei nur die Liebe zur Musik, sagt er. Und lächelt. „Ich brauche nur Led Zeppelin aufzulegen, dann fühl ich mich wieder jung.“