Als der Frauen-Fußball in Essen-Karnap den DFB besiegte

Vor genau 60 Jahrenwar das Mathias-Stinnes-Stadion in Essen-Karnap Schauplatz des ersten Länderspiels der deutschen Frauen-Nationalelf. Die deutsche Elf gewann 2:1 gegen die Niederlande und setzte sich obendrein über das DFB-Verbot hinweg. Ein doppelter Sieg also, an dem auch die gebürtige Essenerin Lore Barnhusen mitwirkt. Egal ob als 16-Jährige oder heute: Das Nationaltrikot steht der Grande Dame des Frauenfußballs fantastisch.
Vor genau 60 Jahrenwar das Mathias-Stinnes-Stadion in Essen-Karnap Schauplatz des ersten Länderspiels der deutschen Frauen-Nationalelf. Die deutsche Elf gewann 2:1 gegen die Niederlande und setzte sich obendrein über das DFB-Verbot hinweg. Ein doppelter Sieg also, an dem auch die gebürtige Essenerin Lore Barnhusen mitwirkt. Egal ob als 16-Jährige oder heute: Das Nationaltrikot steht der Grande Dame des Frauenfußballs fantastisch.
Vor 60 Jahren spielte in Essen beim ersten Damen-Länderspiel der deutschen Nationalelf Lore Barnhusen mit. Der DFB hatte Damenfußball verboten.

Essen. ,,Die Gleichberechtigung schreitet auch in Fußballstiefeln voran“, kommentierte der Reporter der Wochenschau am 23. September 1956. ,,Wie Herbergers Schützlinge zu ihren besten Zeiten, so ziehen die jungen Damen elegant und zu allem entschlossen ihre Kreise. Die Niederländerinnen treffen nur einmal. Mit diesem 2:1 Sieg kommt Deutschlands Fußball endlich wieder zu einem schönen Sieg.“ Was der Reporter verschwieg: Der DFB hatte Frauenfußball verboten, vor 60 Jahren tickten die Uhren beim Thema Emanzipation noch ganz anders. Das schert den Westdeutschen Damen-Fußball-Verband wenig. Der Verein hatte sich in Essen gegründet. Auf dem Platz des Karnaper Mathias-Stinnes-Stadions, der damals der Zechengesellschaft gehörte, wurde Fußball-Geschichte geschrieben: das erste Damen-Länderspiel einer deutschen Nationalelf.

„Das beste Spiel seit Bern“, schmunzelte ein Zuschauer nach dem Abpfiff. Bettina von der Höh vom Geschichtskreis Carnap erinnert nun an diesen besonderen Tag. Und an eine der letzten Zeitzeuginnen und aktiven Mitstreiterinnen bei diesem unvergessenen Länderspiel. Es ist die 76-jährige Lore Barnhusen. Im Jahre 2010 besuchte sie auf Einladung des Geschichtskreises das erste Mal nach all den Jahren das Stadion Mathias Stinnes. Die Anlage, auf der zurzeit ein Flüchtlingscamp steht, war noch in dem alten Zustand als Fußball-Arena. Die früheren Gebäude wie Sportheim, Umkleidekabinen, Erfrischungsbüdchen, Haupttribüne und somit auch ihre Erinnerungen waren noch nicht vom Bagger abgeräumt.

Erinnerungen an Fußballer-Zeit

Gegenüber dieser Zeitung erinnerte sich damals Lore Barnhusen, die heute in Gladbeck lebt, an ihre Zeit als Fußballerin und an das Spiel im Nationaltrikot. Es wird das Spiel ihres Lebens. Als sie ins Stadion einlaufen, überwältigen die Menschenmassen das junge Mädchen. Mit 16 ist sie die jüngste Nationalspielerin. 18.000 sind nach Karnap gekommen. „Was ist hier los“, denkt sie. Einige weinen vor dem Anpfiff, erinnert sich die Fußball-Veteranin. Viele Mitspielerinnen sieht sie im Stadion zum ersten Mal. Es ist eine Elf, die aus Frauenvereinen zusammengewürfelt wurde. Lore Barnhusen spielt bei den FC Kickers in Essen, wo plötzlich einer beim Training vom Spielfeldrand aus Nationalspielerinnen sucht: „Du, du, du“. Sie ist dabei: „Ich muss gut gewesen sein.“

Als Kind spielt sie in der Gelsenkirchener Zechensiedlung: Straße gegen Straße. Oft gegen verheiratete Männer. In der Schule sind die Jungen am Ball. „Wir Mädchen standen abseits.“ Schützenfeste oder Turnverein reizen sie nicht.

Taschengeld gespart

Dann erzählt ihr Cousin von der Damen-Mannschaft in Essen. Es ist 1953. Lore Barnhusen läuft in Gelsenkirchen los, denn ein Fahrrad hat sie nicht. Sie fährt Straßenbahn, steigt mehrmals um und ist nach fast zwei Stunden in der Gastwirtschaft neben der Gruga. Lore Barnhusen meldet sich im Verein an. Dienstags und donnerstags packt sie ihre kleine weiße Fußballtasche. Sie trainieren dort, wo gerade keine Männer auf dem Platz sind. „Wir waren blutjung.“ Aus dem Verbot machen sie sich nichts. „Wir durften nicht, aber wir hatten Spaß“, sagt Lore Barnhusen. Mit dem Bus fahren sie zu Spielen nach Krefeld oder Holland. Steht die Polizei vor dem Stadion, dreht der Busfahrer eine Runde, bis die Beamten weg sind.

Lore Barnhusen spielt im Mittelfeld oder stürmt linksaußen. In Fußballschuhen mit Stahlkappe, Männerschuhe. Dafür hat sie Taschengeld gespart. Sie sammelt Kartoffeln auf dem Feld, zieht Rüben. „Für die Nachbarin habe ich Kohlen eingeschüppt.“ Den Rest legt ihre Mutter drauf, die sich sorgt: „Mach’ dir die Füße nicht kaputt.“ Die Tochter kommt oft mit Platzwunden an den Schienbeinen oder dicken Knöcheln nach Hause und weint manchmal. Dennoch ist es, „als ob ich dafür geboren bin.“ Beruflich wird Lore Barnhusen Näherin. Später führt sie als Model Kleider vor. Ihren Mann aber, den lernt sie auf dem Fußballplatz kennen.

Ermunterung für Mädchen

Gespielt hat sie seit 1956 nie wieder. Nach dem Sieg läuft sie zu Fuß nach Hause, so wie sie gekommen ist. Pünktlich zum Training packt sie wieder die kleine weiße Tasche. Nur gibt es den FC Kickers nicht mehr. Lore Barnhusen erfährt, dass der Gründer des Damen-Verbandes sich mit den Einnahmen aus dem Spiel abgesetzt und der Essener Verein sich aufgelöst hat. „Ich wusste nicht, dass es andere gab. Wirklich traurig“, sagt sie über ihre kurze Karriere. Heute ermuntert sie Mädchen: „Geht in einen Verein, spielt Fußball.“ Denn da sei von Kopf bis Fuß alles in Bewegung, sagt Lore Barnhusen mit leuchtenden Augen: „Schöneres gibt es nicht – Fußball ist alles.“

 
 

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