Als aus der Rüttenscheider Straße die „Rü“ wurde

Rüttenscheider Stern Anfang der 1960er-Jahre: Links das frühere Kaufhaus „Althoff“, später Karstadt, dann Hertie. Heute ist hier - neu erbaut - das Geschäftshaus „Rü 62“. Das Eckhaus in der Mitte gibt es noch, rechts auf dem Platz befinden sich das Eiscafé Gioia und der Parkplatz am Stern. Der Hochhaus-Riegel dahinter war noch nicht erbaut.
Rüttenscheider Stern Anfang der 1960er-Jahre: Links das frühere Kaufhaus „Althoff“, später Karstadt, dann Hertie. Heute ist hier - neu erbaut - das Geschäftshaus „Rü 62“. Das Eckhaus in der Mitte gibt es noch, rechts auf dem Platz befinden sich das Eiscafé Gioia und der Parkplatz am Stern. Der Hochhaus-Riegel dahinter war noch nicht erbaut.
Foto: Knut Garthe
Vor 30 Jahren fiel der Beschluss zum 13 Millionen Mark teuren Umbau. Möglich wurde die Neugestaltung aus einem Guss durch den Bau der U-Bahn.

Essen-Rüttenscheid.. Mit einem wegweisenden Beschluss gab die Bezirksvertretung II im März 1986 den Startschuss für den Umbau der Rüttenscheider Straße. Unsere Zeitung berichtete über die Pläne damals mit der Schlagzeile „Rüttenscheid tritt gegen City an“. Tatsächlich sollte die „Rü“ – diese Abkürzung wurde während der Umbauzeit geprägt – eine der attraktivsten Einkaufsstraßen der Stadt werden, was durchaus auch etwas mit dem aufwendigen Umbau zu tun hatte.

U-Bahn-Südstrecke wurde 1986 eröffnet

Anlass war die Fertigstellung der U-Bahn-Südstrecke im Sommer 1986. Satte 340 Millionen Mark hatte die Untertunnelung der Rü verschlungen. „Die immensen Kosten wären eine kaum vertretbare Fehlinvestition, wenn nicht mehr erreicht würde als eine Beschleunigung des Autoverkehrs. Die Rüttenscheider Straße darf nicht zur fünften und sechsten Fahrspur der Alfredstraße werden“, wurde der Architekt und Deubau-Preisträger Dr. Eckhard Schulze-Fielitz damals zitiert. Er ist einer von vielen Fachleuten, Politikern und Bürgern, die sich beim Umbau der Straße mit Ideen einbringen wollen. So wird über Umfahrungen und Einbahnstraßenregelungen ebenso diskutiert wie über breitere Bürgersteige und Radwege.

Entsprechend lang dauert der politische Prozess, der letztlich in einem Kompromiss mündet. Besonders sichtbar ist das bis heute an dem viel diskutierten Radweg auf dem Bürgersteig. So beginnen die Umbauarbeiten erst 1987 – knapp ein Jahr nach der U-Bahn-Eröffnung. Der erste und knapp 400 Meter lange Bauabschnitt zwischen Martinstraße und Stern ist dafür schnell fertig: Binnen 80 Tagen werden die Straßenbahnschienen herausgerissen, die Gehwege zu Lasten der Straße verbreitert, mehr Parkmöglichkeiten geschaffen. 2,3 Millionen Mark kostet der Umbau des Herzstücks, das bis heute als attraktivste Geschäftslage gilt.

Umbau bedeutete auch Einbußen für Geschäftsleute

Für die Geschäftsleute war der Umbau zweischneidig. „Natürlich waren der Bau der U-Bahn und die anschließende Umgestaltung ein Gewinn. Dennoch erinnere ich mich auch gerne daran, wie sich die Leute früher in der Straßenbahn die Nasen platt gedrückt und in die Schaufenster geschaut haben“, blickt Susanne Kötter zurück, deren familiengeführte Konditorei schon damals an der Rüttenscheider Straße 73 lag. Sie erinnert sich auch an den massiven Protest der Gewerbetreibenden, den ihre Mutter Felizitas mit koordinierte: „Viele Händler klagten damals über Umsatzeinbußen durch die Bauarbeiten.“ Also schloss man sich zusammen, um mit gemeinsamer Werbung die Kundschaft im Stadtteil zu halten. „So wurde die Interessengemeinschaft Rüttenscheid geboren“, sagt Susanne Kötter.

Mit einem Straßenfest – dem ersten Rü-Fest — wird am 3. September 1988 die Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts zwischen Baumstraße und Stern gefeiert. Die Abkürzung „Rü“ ist vom damaligen OB Peter Reuschenbach gefestigt worden: Er setzte einen der Schlusssteine ein, auf denen der Kosename bis heute zu lesen ist.

Zankapfel und verkehrspolitisches Experimentierfeld

Neben dem 1989 startenden dritten und letzten Bauabschnitt von der Martinstraße bis zur Flora wird der Verkehr durch den Abriss der Rüttenscheider Brücke zusätzlich belastet: Die altersschwache Stahlkonstruktion am Girardethaus wird 1990 durch den heutigen Betonbau ersetzt, die Rü fällt während der neunmonatigen Bauzeit in ein Loch. Am Ende hat die gesamte Umgestaltung samt Brückenneubau 13 Millionen Mark gekostet.

Auch nach der Eröffnung am 3. Juli 1991 bleibt die Rü Zankapfel und verkehrspolitisches Experimentierfeld. Gegen den erbitterten Widerstand vieler Geschäftsleute setzte die SPD 1992 den autofreien Samstag durch, der nach sechs Monaten zunächst eingestellt, dann wieder reaktiviert wurde. Selbst viele Fußgänger fanden die Ruhe auf der Rü aber ein wenig langweilig. Erst im Jahr 2000 allerdings verschwinden die Pläne für eine Fußgängerzone endgültig in der Schublade. „Zum Glück“, sagt der heutige IGR-Vorsitzende Rolf Krane. „Ohne den Verkehr würde die Straße ihre Lebendigkeit und Kaufkraft verlieren.“

 
 

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