Essen

AfD holt in Stadtteil von Essen fast 20 Prozent – vor Ort erzählen Wähler: „Uns ging es darum,...“

AfD: Bei der Kommunalwahl in Essen schnitt die Alternative für Deutschland in einem Stadtteil besonders gut ab. Eine Spurensuche.
AfD: Bei der Kommunalwahl in Essen schnitt die Alternative für Deutschland in einem Stadtteil besonders gut ab. Eine Spurensuche.
Foto: Marcel Storch/DER WESTEN

Essen. Wenn man aus Altenessen über Emscher und den Rhein-Herne-Kanal fährt, regiert plötzlich Blau.

Damit sind nicht nur die Brückenpfeiler der Zweigertbrücke gemeint, sondern auch die vielen Wahlplakate der AfD zur Kommunalwahl in Essen. Diese sind hier nämlich sehr zahlreich vertreten. Es wirkt fast so, als wollte die Partei sagen: seht her, hier ist AfD-Land.

Der rasante Aufstieg der AfD
Der rasante Aufstieg der AfD

Kommunalwahl in Essen: AfD holt fast 20 Prozent in Karnap

Fast 20 Prozent hat die rechtspopulistische Partei im Essener Stadtteil Karnap geholt. Warum wählten vor allem hier die Menschen bei der Kommunalwahl in Essen die AfD? Eine Spurensuche jenseits der Emscher.

Am Karnaper Markt herrscht an diesem Montagmorgen gähnende Leere, neben an in den Discountern dagegen gehen ein paar Leute einkaufen. „Ich habe die CDU und die AfD gewählt“, verrät eine Dame mittleren Alters, die lieber anonym bleiben will. Sie sei eine Ur-Karnaperin und habe erstmals für die AfD gestimmt. Warum? „Gucken Sie sich doch um“, sagt sie achselzuckend.

Die nächtliche Böllerei, die Kriminalität, der Müll und natürlich die Flüchtlingsfrage, es sind die wiederkehrenden Motive. „Nachts traue ich mich nicht mehr raus“, erklärt sie. Nach 2015 sei die Situation schlimmer geworden, führt sie weiter aus. Daher habe sie drei Stimmen der AfD gegeben. Nur beim Oberbürgermeister habe sie für die CDU gestimmt. „Mit Thomas Kufen bin ich sehr zufrieden“, gesteht sie.

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Was auffällt: im nördlichsten Stadtteil Essens prangt vor allem ein Gesicht auf den AfD-Plakaten. Das von Guido Reil. Der ehemalige Bergmann sitzt mittlerweile für die AfD im Europaparlament, stand für die Partei auf Listenplatz 10 bei der Kommunalwahl NRW 2020.

Für einen Direkteinzug in den Stadtrat hat es nicht gereicht. Mit 18,2 Prozent der Stimmen musste sich Reil Michael Schwamborn (SPD/35,4%) deutlich geschlagen geben.

„Guido Reil haben wir vor der Wahl so oft gesehen, wie das ganze letzte Jahr nicht“

Vor der Kneipe „Alt Carnap“ stehen drei ältere Männer. Es wird geplauscht. Als die Sprache auf die Kommunalwahl fällt, sagt einer: „Ich habe SPD gewählt, wie mein ganzes Leben.“ Auch Guido Reil war früher SPD-Mann. Die letzte verbliebene Kneipe im Stadtteil einst fest in SPD-Hand. Inzwischen machen auch die AfDler hier Wahlkampf und treffen sich. „Guido Reil haben wir vor der Wahl so oft gesehen, wie das ganze letzte Jahr nicht“, sagt der SPD-Wähler.

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Warum die AfD in Karnap fast 20 Prozent geholt hat, glaubt er zu wissen: „Hier sitzen die Urheber“. Und meint wohl Reil und seine Parteifreunde.

Essenweit kommt die AfD auf 7,5 Prozent. Das sind 3,7 Prozent mehr als 2014. Doch das anvisierte zweistellige Ergebnis ist es nicht geworden.

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Das ist der Essener Stadtteil Karnap:

  • Am 31. März 2020 lebten 8.167 Einwohner in Karnap.
  • Bevölkerungsanteil der unter 18-Jährigen liegt bei 19,3 % (Essener Durchschnitt: 16,2 %), der Bevölkerungsanteil der mindestens 65-Jährigen bei 17,8 % (21,5 %) und der Ausländeranteil bei 20,7 % (16,9 %)
  • Im Süden markiert der Rhein-Herne-Kanal die Stadtteilgrenze, im Westen an Bottrop, im Osten an Gelsenkirchen und im Norden an Gladbeck

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AfD-Wähler verraten: „Uns ging es darum, ein Ausrufezeichen zu setzen“

Anders sieht das in Gelsenkirchen aus. Hier ist die AfD mit 13 Prozent hinter SPD und CDU im Rat drittstärkste Kraft. Knapp vor den Grünen. Benjamin (32) und Mariola Greiner (33) aus Gelsenkirchen haben erstmals gewählt. Auf einem Discounter-Parkplatz in Karnap erzählen sie: „Wir haben für die AfD gestimmt.“ Über ihre Motive verraten sie: „Uns ging es darum, ein Ausrufezeichen zu setzen.“ Die Konzepte der Partei hätten sie überzeugt. Was genau, da bleiben sie vage.

Wahlerfolge auch in Duisurg, Mülheim oder Oberhausen

Wie in Karnap und in Gelsenkirchen hat die AfD auch in anderen Ruhrgebietsstädten gepunktet. In Duisburg (9,3 %), Mülheim (7,2 %) oder Oberhausen (7.8 %) landeten sie ihre besten Ergebnisse in NRW. Der Bielefelder Extremismusforscher Andreas Zick erklärt das im Gespräch mit DER WESTEN so: „Die AfD hat sich in diesen Kommunen verankern können, weil sie dort vor Ort auch mit Personen, die als etablierte Politiker wahrgenommen werden, aufgetreten ist. Offensichtlich sind in den Wahlkreisen die anderen Parteien auch weniger aktiv gewesen als sie es sein müssten.“

Die AfD habe Gruppen, die sich ungerecht behandelt sehen, eine Stimme gegeben, ihnen mehr Beteiligung versprochen und vor allem die Themen Bedrohung durch Einwanderung angesprochen, so der Experte. „Ich vermute, es sind einige Menschen darunter, die meinen, sie seien eher ohnmächtig und hätten keine Kontrolle, die ihre politische Heimat schon vor einiger Zeit verloren haben, und die zugleich meinen, die etablierten Parteien wären Schuld an dem sichtbaren Abschwung in ihrer Region, die die AfD als einzige Widerstandspartei gegen die Zustände wahrnehmen. Politikmisstrauen, fehlende Bindung an Politik, aber auch in Vereine, Kirche und andere Institutionen sowie das Gefühl von Ohnmacht und negative Einstellungen gegen vermeintlich Fremde sind der Nährboden.“

Seine Forderung: „Es ist dringend an der Zeit, gerade diese Kommunen aufzuwerten, weil sonst die Propaganda der Missachtung wirkt.“

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AfD kann keinen Profit aus Corona-Unbehagen ziehen

Insgesamt sieht der Experte die AfD bei NRW-weit fünf Prozent tendenziell eher auf dem absteigenden Ast. „Die AfD in NRW hat ihren eigenen Ansprüchen am Ende nicht genügt, und sie hat auch nicht von dem Unbehagen mit den Coronaregeln profitiert, also Protestwähler an die Urnen bekommen. Ihrem Anspruch nach definiert sie sich als Partei für die konservative Wählerschaft und politikverdrossene Nichtwählern. Daran bemessen hat sie verloren, auch wenn sich Parteien am rechten Rand nie als Verlierer verstehen.“

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