„80 Prozent der Flüchtlinge können nur als Helfer arbeiten“

Dietmar Gutschmidt, Leiter des Job-Centers, (links), und Klaus Peters, Chef der Leiter Arbeitsagentur Essen, im Interview.
Dietmar Gutschmidt, Leiter des Job-Centers, (links), und Klaus Peters, Chef der Leiter Arbeitsagentur Essen, im Interview.
Foto: Knut Vahlensieck
  • Die Arbeitslosenzahlen in Essen steigen, auch weil sich mehr Flüchtlinge arbeitslos melden
  • Die Vermittlung kommt aber nur schleppend voran, so die Chef von Arbeitsagentur und Jobcenter
  • Der großen Mehrheit fehlt es an Abschlüssen, deshalb kommen für sie nur Helferjobs in Frage

Essen.. Die Flüchtlinge werden in Essen immer deutlicher in der Arbeitslosen-Statistik sichtbar, denn auf dem Arbeitsmarkt haben viele schlechte Chancen. Wie diese verbessert werden sollen und wo es noch Probleme gibt, darüber sprach Redakteurin Janet Lindgens mit Klaus Peters, Chef der Arbeitsagentur in Essen, sowie Dietmar Gutschmidt, Leiter des städtischen Job-Centers, wo der Großteil der Flüchtlinge arbeitslos gemeldet ist.

Essen war im Oktober der einzige Agenturbereich in ganz NRW, in dem die Arbeitslosenzahl gestiegen ist. Warum?

Klaus Peters: Wir hatten im Oktober einen deutlicheren Anstieg der Arbeitslosenzahlen bei Flüchtlingen. Das liegt daran, dass nach und nach immer mehr Flüchtlinge aus Integrations- und Sprachkursen herauskommen und in der Arbeitslosigkeit angekommen sind.

Dietmar Gutschmidt: Da gibt es auch einen Unterschied zu anderen Städten und Regionen. Essen zählt bundesweit zu den Städten mit der stärksten Zuwanderung an Flüchtlingen, besonders aus Syrien. Alleine von Januar 2015 bis September 2016 sind 7000 syrische Flüchtlinge aus anderen Bundesländern und Nordrhein-Westfalen nach Essen gezogen und uns zugewiesen worden. Das schlägt sich natürlich in den Arbeitslosenzahlen nieder. Und daraus ergeben sich für uns auch ganz andere Herausforderungen, die Menschen in Arbeit zu bringen.

Wie gut gelingt das schon?

Gutschmidt: Die Mehrzahl der Flüchtlinge ist noch nicht so weit, dass wir sie vermitteln können. Das Gros muss noch Integrations- und Sprachkurse absolvieren. Was umgekehrt auch heißt: Wir haben mit der Vermittlung in vielen Fällen noch Zeit. Unser Hauptaugenmerk im gemeinsamen Integrationpoint mit der Arbeitsagentur liegt immer noch darauf, Gutscheine für solche Kurse auszugeben.

Wie viele Flüchtlinge haben Sie denn schon tatsächlich in Arbeit vermitteln können?

Gutschmidt: Die Zahlen sind noch nicht hoch, aber sie steigen. Das Jobcenter hat von Januar bis September 454 geflüchtete Menschen in sozialversicherungspflichtige Arbeit und Ausbildung gebracht. Im gleichen Zeitraum im vergangenen Jahr waren es 358. Ich bin zuversichtlich, dass die Dynamik weiter zunehmen wird.

Bei fast 7200 Flüchtlingen, die im Moment Arbeit suchen, wird es bei diesen Vermittlungstempo aber noch eine ganze Weile dauern, bis die Zahl signifikant sinken wird.

Gutschmidt: Ja, wir brauchen einen langen Atem. Am Ende wird entscheidend sein, wie dynamisch die Wirtschaft auf das Arbeitskräftepotenzial reagiert.

Peters: Im Moment könnten 80 Prozent der Flüchtlinge nur in Helfertätigkeiten vermittelt werden, weil sie keine verwertbaren Berufs- oder Schulabschlüsse haben. Umgekehrt bedeutet das, dass 20 Prozent nach den Integrationskursen sofort eine qualifizierte Arbeit aufnehmen können.

Also besteht kaum Hoffnung, dass Flüchtlinge das wachsende Fachkräfte-Problem lösen können?

Peters: Helfer müssen ja nicht Helfer bleiben. Sicher werden nicht alle Facharbeiter werden. Aber es wird vor allem darauf ankommen, wie sich die Wirtschaft engagiert, die Menschen zu qualifizieren. Wir allein werden das nicht leisten können. Was wir aber spüren, ist eine große Flexibilität bei den Flüchtlingen. Neulich traf ich einen jungen Mann in einer Flüchtlingsunterkunft, der war in seiner Heimat in der Landwirtschaft tätig, arbeitete später als Taxifahrer, kann sich nun auch eine Arbeit im medizinischen oder sportlichen Bereich vorstellen.

Gutschmidt: Das Beispiel zeigt, vor welchen Problemen wir zum Teil stehen. Denn wenn jemand in seinem Heimatland in der Landwirtschaft gearbeitet hat, dann können wir ihm hier keinen Job anbieten, weil es in Essen kaum Landwirtschaft gibt. Umgekehrt kann die Flüchtlingswelle auch dazu führen, dass in Essen neue Jobs entstehen. Ich denke zum Beispiel an den in Essen schon großen Bereich der Call-Center. Dort sind arabisch sprechende Mitarbeiter vielleicht künftig deutlich mehr gefragt.

Wir haben seit Jahren eine verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit, vor allem weil es zu wenige Stellen für Ungelernte in der Stadt gibt. Und jetzt kommen noch die Flüchtlinge dazu, viele ungelernt. Warum sollte die Jobvermittlung bei denen besser klappen?

Gutschmidt: Die Integration in den Arbeitsmarkt kann für beide Gruppen nicht allein über reguläre Arbeit gelingen. Wir brauchen dafür eine öffentlich geförderte Beschäftigung, um daraus weitere Beschäftigung zu generieren. Da brauchen wir endlich ein Umdenken. Denn anders kann dies in dieser Größenordnung gar nicht gelingen.

Peters: Ich beobachte, dass die Flüchtlingswelle auch dazu geführt hat, dass man an vielen Stellen noch mal über teils starre Regelungen am Arbeitsmarkt neu nachdenkt und sie hinterfragt. Davon profitieren auch Langzeitarbeitslose.

Wie bereit ist die Wirtschaft, Flüchtlinge einzustellen?

Gutschmidt: Es ist vor allem wichtig, dass sich gute Beispiele herumsprechen, damit Unsicherheiten und Vorbehalte abgebaut werden können. Da sind auch Kammern und Arbeitgeberverbände in der Pflicht.

Peters: Wir spüren auf Seiten der Wirtschaft mittlerweile schon mehr Sicherheit und Interesse. Aber die Unternehmen brauchen weiter Unterstützung. Denn einfach zu verstehen ist das gesetzliche Werk immer noch nicht.

Einmal konkret bitte: Da kommt ein 30-jähriger Syrer ins Amt und hat keine vorweisbaren Abschlüsse. Was tun Sie mit dem Mann?

Gutschmidt: Wir laden ihn zum Integrationpoint ein und werden dort ein so genanntes Profiling durchführen. Dabei schauen wir: Was kann er, was bringt er mit, wo will er hin? Seit 1. November gibt es ein neues Kompetenzzentrum für Flüchtlinge gemeinsam mit der EABG und der Weststadt-Akademie. Dort schauen wir uns anschließend neben der Sprachförderung nochmal die individuellen Fähigkeiten an und machen entsprechende Angebote.

Die SPD hat kürzlich angemahnt, bei allem Kümmern um Flüchtlinge, Langzeitarbeitslose und Jugendliche nicht aus den Augen zu verlieren. Wie stellen Sie das sicher?

Peters: Wir werden auch im nächsten Jahr mehr personelle und finanzielle Ressourcen haben, um uns um alle Personengruppen zu kümmern. Das gilt vor allem für den Bereich Qualifizierung. Das kommt allen zu Gute, eine Konkurrenz sehe ich da nicht.

Gutschmidt: Der Rat der Stadt hat dem Jobcenter insgesamt 214 neue Stellen genehmigt. Das Personal wird eingesetzt, wo es gebraucht wird und nicht nur für Flüchtlinge. Auch wir stocken finanziell in allen Bereichen auf. Wir achten darauf, dass die Flüchtlingsproblematik nicht zu Lasten anderer geht.

Wie wird sich die Arbeitslosigkeit in Essen in den kommenden Monaten entwickeln?

Peters: Ich gehe davon aus, dass die Zahl der arbeitslos gemeldeten Flüchtlinge weiter zunehmen wird. Ob damit insgesamt die Arbeitslosenzahlen in Essen steigen, wird man sehen. Das hängt auch davon ab, wie sich die Beschäftigung insgesamt entwickelt.

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