20.000 Besucher werden zum Christopher Street Day in Essen erwartet

Schwul-lesbische Kumpels und Angelica Glitzer laden zu einer Pressekonferenz zum CSD ein.
Schwul-lesbische Kumpels und Angelica Glitzer laden zu einer Pressekonferenz zum CSD ein.
Foto: WAZ FotoPool
Schrill, laut und politisch – so wünscht sich die schwul-lesbische Szene den Ruhr-“Christopher Street Day“. Rund 20.000 Besucher werden dieses Wochenende bei der zehnten Auflage in der Essener Innenstadt erwartet. Das große Straßenfest wird von Comedy, einem Gottesdienst und Filmen begleitet.

Essen. „Wenn jemand homosexuell ist und guten Willens nach Gott sucht, wer bin ich, darüber zu urteilen?“, sagte Papst Franziskus dieser Tage im Gespräch mit Journalisten, die ihn beim Rückflug von Rio de Janeiro nach Rom begleiteten. Der 76-jährige Argentinier sprach sich ge­gen die Ausgrenzung Homosexueller aus – wie auch die rund 20.000 erwarteten Besucher beim Christopher Street Day (CSD) an diesem Wochenende in Essen. Schrill, laut und vor allem politisch – so wünscht sich die lokale schwul-lesbische Szene den zehnten „Ruhr-CSD“. Das „größte Straßenfest im Ruhrgebiet“ will Zeichen ge­gen homophobe und rechtsradikale Gewalt gegen Schwule setzen.

Los geht’s am Freitag um 16 Uhr mit dem „Community-Warm-Up“ in den Räumen den Grünen: „Wir sind verliebt in Vielfalt – und Du?“, fragen Hiltrud Schmutzler-Jäger, Chefin der Grünen im Rat, und der schwule Bundestagsabgeordnete Kai Gehring beim Empfang zum Ruhr-CSD. Sie laden ins Grüne Zentrum an den Kopstadtplatz 13. Gehring: „Der CSD ist zu einer festen Größe im queren Leben im Pott geworden. Gemeinsam setzen wir klare Zeichen für Vielfalt, für Gleichstellung und sagen Nein zu jeder Diskriminierung von Transgendern, Lesben, Schwulen und Intersexuellen im Ruhrgebiet und weit darüber hinaus.“ Ob die volle Gleichstellung erfolgt, „oder ob sich eine schrille Minderheit weiter ge­gen gleiche Rechte stemmt“, so Gehring, entscheide sich bei der Bundestagswahl. Jeder ist beim „Community-Warm-Up“ willkommen, zu politischen Reden bei Sekt, Kaffee und Kuchen. Anmeldung: csd@gruene-essen.de oder 269 82 00.

"CSD-Gottesdienst" über Schwangerschaft, Sexualität und Familie

Im Anschluss folgt der ökumenische „CSD-Gottesdienst“ in der Marktkirche. Dorthin laden die Aids-Hilfe, die Caritas Aidsberatung, die Alt-Katholische Kirchengemeinde und die Evangelische Beratungsstelle für Schwangerschaft, Familie und Sexualität. Der Gottesdienst soll Mut machen, Vielfalt in Kirche und Gesellschaft zu leben. „Lesben und Schwule müssen als selbstverständlicher Teil gesellschaftlicher Normalität respektiert und anerkannt werden“, betont Klaus-Peter Hackbarth von der Aids-Hilfe. Die Predigt hält der Alt-katholische Priester im Zivilberuf Christian Rütten. Mit Elisabeth Müller ist es erstmals gelungen, eine evangelische Pfarrerin für die Liturgie zu gewinnen.

Passend zum CSD zeigt das „Astra Theater“ (an der Teichstraße) den Film „Küss mich — Kyss mig“ am Freitag um 17.45 / 22.45 Uhr und am Montag den Film „I killed my Mother“ um 20.15 Uhr.

Am Samstag beginnt gegen 12 Uhr das große Straßenfest mitten in der Innenstadt. „Gleiche Rechte nur mit uns!“ heißt s, wenn ab 13 Uhr die „Kumpelparade“ durch die Fußgängerzone zieht – eine Demonstration um die Botschaft von Gleichberechtigung und Akzeptanz zu unterstreichen. „In diesem Jahr wird sie sicher noch größer und länger“, hofft Markus Willecke, einer der Organisatoren. Weiter geht es auf dem Kennedyplatz: Eingeladen sind Wegbereiter und Künstler, die vom ersten Ruhr-CSD an dabei waren – Travestie-Ikone MissJeany, Angelica Glitzer, die durchs Programm führt, Abajur und die CSD-Award-Preisträger. Erwartet werden auch Käthe Köstlich, die „Terrortucken“ sowie Dennis Reske. Letzterer wurde Opfer homophober Gewalt. Seit einem Überfall ist er zu 70 Prozent schwerbehindert und auf einen Rollstuhl angewiesen. Er wird auf der Bühne über die Tat sprechen.

Das zehnstündige Programm wartet aber auch mit einer Schweigeminute der Aids-Hilfe auf. 499 Luftballons, die an alle Besucher verteilt werden, sollen emporsteigen und an die an den Folgen von HIV und Aids Verstorbenen erinnern. Auf der Bühne werden Vertreter aller demokratischen Parteien die schwul-lesbische Politik in Deutschland diskutieren.

Angefangen hat alles mit einer kleinen Bude vor der Marktkirche

Die Organisatoren des Essener Ruhr-CSD resümieren über zehn Jahre Flagge-zeigen für gleiche Rechte für Schwule, Lesben und Transgender: Mit einer kleinen Gruppe Schwuler und Lesben, einem Büdchen und ein paar Infoständen hat alles angefangen – 2003, am ersten August-Samstag vor der Marktkirche. Markus Willecke von der Aids-Hilfe und Dietrich Dettmann vom Verein Essen Andersrum erinnern sich daran noch sehr gut. NRZ-Mitarbeiter Pascal Hesse sprach mit den beiden Mit-Organisatoren über zehn Jahre Ruhr-CSD.

Warum brauchte Essen überhaupt einen eigenen CSD?

Dietrich Dettmann: Wir hatten lokalpolitische Ziele. Es ging uns zum Beispiel um eine Neuauflage des Handlungsprogramms gleichgeschlechtliche Lebensweisen, die finanzielle Unterstützung für das schwul-lesbische Jugendzentrum und die Essener Aids-Hilfe. Und darum, Flagge zeigen zu können. Schwule und Lesben fahren natürlich auch zum Kölner CSD, doch wenn wir in Essen feiern, können wir unsere Freunde, Nachbarn und Verwandte einfach mitnehmen und ihnen zeigen, wie ein echter CSD ist und was ihn ausmacht.

Wie war denn 2003 vor der Marktkirche – hatten Sie Muffensausen?

Dettmann: Es war schon eigenartig. Wir haben uns das erste Mal rausgetraut. Die offene Darstellung war ja damals noch etwas Besonderes in der Stadt. Damals gab es eine Minibühne, die Travestiegruppe Femme Fatale sponserte einen Auftritt. 2000 bis 3000 Besucher waren es anfangs. Mit heute ist das gar nicht vergleichbar. Die Leute kommen nicht mehr nur aus Essen, sondern aus dem ganzen Ruhrgebiet, um mit uns zu feiern und für gleiche Rechte einzutreten.

Hat sich denn politisch seit dem ersten CSD etwas verändert?

Markus Willecke: Wir haben jetzt ei­nen Ansprechpartner bei der Polizei für schwul-lesbische Gewalt. Es gibt ein Aufklärungsprojekt, bei dem Schwule und Lesben in die Schule gehen und sagen „Ich bin Schwul“, was ein ganz anderer Ansatz ist, als das ganze nur theoretisch abzuhandeln.

Und wo hapert’s noch?

Willecke: Wir glauben, wenn Essen eine Stadt der Vielfalt sein will, sind Schwule und Lesben ein wichtiger Faktor. Es ist schon vieles getan worden, um die Lebenssituation Lesben und Schwuler in Essen zu verbessern. Aber es gibt auch noch einiges zu tun, etwa bei der Weiterentwicklung der Seniorenarbeit bei der Frage, wie es mit Schwulen und Lesben mit Migrationshintergrund aussieht.

Weitere Informationen gibt’s unter www.ruhr-csd.de.

 
 

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