Zwei Lager beim Pflegekind-Prozess

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Foto: Kurt Michelis

Schwelm/Hagen..  Es ist ein ungeheuerlicher Vorwurf, der sich gegen ein Ehepaar richtet. Als der 51-Jährige und seine Frau (38) noch in Schwelm wohnten, sollen sie ihrem Pflegesohn derart wenig zu essen gegeben haben, dass er gefährlich unterernährt gewesen sein soll. Das soll von August 2005 bis November 2011 gewesen sein.

Mittlerweile haben drei konfliktgeladene Prozesstage vor dem Hagener Landgericht stattgefunden. Anklage: Misshandlung von Schutzbefohlenen. Es gibt zwei Lager: Die Angeklagten, die am ersten Prozesstag alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft energisch von sich wiesen und deren Freunde und Eltern, die vehement Partei für die beiden ergriffen, weil sie sie als gewissenhafte Pflegeeltern erlebt haben. Und da gibt es Ärzte des Allgemeinen Krankenhauses Hagen (AKH) und der Uniklinik in Düsseldorf, die vor Gericht ihren Verdacht äußerten, dass der heute Zehnjährige damals über Jahre massiv unterernährt worden war.

Hilfe aus der Uniklinik

Nachdem das Kind von einer mutmaßlichen Schüttelattacke durch seinen Vater genesen war, kam es zu dem Schwelmer Ehepaar: Die Pflegemutter ist eine aparte, ruhige Frau, sehr gepflegt und zurückhaltend. Ihr Ehemann macht einen arbeitsamen Eindruck, hat sich erfolgreich selbstständig gemacht. Als Kinderkrankenschwester galt die 38-Jährige als Glücksfall für das Pflegekind.

Essen war das Thema, um das sich von Anfang an alles drehte. „Er war maßlos beim Essen“, betonte die 38-Jährige am ersten Prozesstag. „Wir wussten, er war ein krankes Kind“, erläuterte ihr Ehemann. Aber eine schwere Krankheit, von der auch Ärzte zunächst ausgingen, konnte in den folgenden Jahren bei dem Jungen nicht gefunden werden.

Kein Zeuge für Berichte der Mutter

Als im Jahr 2010 medizinisch alle Möglichkeiten ausgeschöpft waren, kam der Verdacht auf, dass das Kind nicht genug zu essen bekam. Ein Arzt (63) des AKH unterhielt sich mit einer Ärztin über den Fall am Telefon. „Da begann ich, die Geschichte mit anderen Augen zu betrachten. Es gab nie Zeugen für das, was die Mutter uns erzählte“, erklärte er, wie der Verdacht bei ihm zustande kam.

Im September richtete er ein Hilfeersuchen an die Kinderschutzgruppe des Uniklinikums Düsseldorf. Die Gruppe von Ärzten, Rechtsmedizinern und Psychologen untersuchte den Jungen intensiv und machte folgende Beobachtungen: „Unser Bild war, dass er von vielem ausgeschlossen wurde. Uns kam Harry Potter bei den Dursleys in den Sinn. Für uns gab es keinen Zweifel, dass er über Jahre hinweg zu wenig Kalorien hatte. Der Körper griff bereits Muskelreserven an“, erinnerte sich Oberarzt Dr. Hans Martin Bosse, Mitglied der Gruppe, und deutete auf mitgebrachte Fotos des Jungen in seiner Akte: „Das ist nicht schlank, das ist unterernährt!“

Heute geht es dem Jungen gut

Eine Psychologin (62), ebenfalls Mitglied der Gruppe, hatte ein völlig anderes Bild als Freunde und Angehörige, die einen Tag später vor Gericht aussagten, dass das Ehepaar sich vorbildlich um ein krankes Kind gekümmert habe, das Essen in sich hineinschlang und wieder erbrach. „Ich beobachtete sein Essverhalten. Er aß vernünftig, war übervorsichtig, wirkte kraftlos und dressiert. Er beobachtete stark die Erwachsenen“, lautete ihr Bericht im Zeugenstand.

Dem hielt eine 46-jährige Psychotherapeutin, damals Heilpädagogin, mit völligem Unverständnis entgegen: „Der Junge hatte eine Bindungsstörung. Die Angeklagte war ruhig und gleichbleibend emotional. Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, dass sie das Kind bewusst geschädigt hat.“ Und der Pflegevater sagte: „Es gab klare Strukturen in unserer Familie, zum Beispiel, wann gegessen wird. Und wir bekamen Vorgaben von Experten. Das war keine Misshandlung!“

Dem heute Zehnjährigen scheint es derzeit relativ gut zu gehen. Seine ehemalige Kinderärztin (54) hat ihn im vergangenen Jahr zufällig wieder in Behandlung gehabt und erinnerte sich: „Ich hätte ihn auf der Straße nicht wiedererkannt. Er hat weder Über- noch Untergewicht. Laut seiner jetzigen Pflegemutter öffnet er sich immer mehr. Er hat gute Leistungen in der Schule und baut Bindungen auf.“ Aber mit der Stadt Schwelm soll er extrem schlechte Gefühle verbinden. „Er kriegt schon Panik, wenn er im Auto durch Schwelm gefahren wird“, sagte die Kinderärztin.

Der Prozess wird fortgesetzt.

 
 

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