Zuviel Bürokratie behindert die Integration

Bernd Richter
CDU-Bundestagsabgeordnete Cemile Giousouf bei ihrem Biw-Besuch. Das Bild zeigt sie mit Geschäftsführer Ralf Stoffels (rechts) und Betriebsratsvorsitzendenden Andreas Natale.
CDU-Bundestagsabgeordnete Cemile Giousouf bei ihrem Biw-Besuch. Das Bild zeigt sie mit Geschäftsführer Ralf Stoffels (rechts) und Betriebsratsvorsitzendenden Andreas Natale.
Foto: Bernd Richter
  • Bei Biw im Gewerbegebiet Oelkinghausen wird Integration gelebt
  • Firmenchef Ralf Stoffels stellt bewusst Flüchtlinge ein
  • Kritisch sieht er aber die bürokratischen Hürden

Ennepetal.  Bei der Firma Biw im Gewerbegebiet Oelkinghausen in Ennepetal wird Integration gelebt. Unter den 450 Mitarbeitern sind Menschen aus über 30 Nationen zu finden. Seit jüngstem gehören auch drei Asylbewerber aus Afghanistan, Bangladesh und Eritrea dazu, die zum Teil bereits in einem Praktikum bewiesen haben, dass sie zum Mitarbeiterteam des Silikonspezialisten aus der Klutert­stadt passen.
„Wir sind gerne Vorreiter bei der Integration von Flüchtlingen. Damit können wir zeigen, dass es funktioniert“, sagt Firmenchef Ralf Stoffels, der beim Besuch der CDU-Bundestagsabgeordneten Cemile Giousouf den Abbau bürokratischer Hürden forderte. Es sei nicht nachvollziehbar, dass es bis zu sechs Monate dauere, bis die entsprechenden Anträge auf Beschäftigung eines Flüchtlings bearbeitet sind. Der Unternehmer aus Schwelm hat sich von diesen Hindernissen nicht entmutigen lassen und über den „kleinen Dienstweg“ vor Ort Entscheidungsträger eingeschaltet und sanft mit Herstellung von Öffentlichkeit durch Einschaltung der Presse gedroht. „Plötzlich ging es in innerhalb einer Woche“, so Ralf Stoffels.

Für die Integration der 700 000 in Nordrhein-Westfalen lebenden Flüchtlingen könnten aber nicht 700 000 Ausnahmen geschaffen werden, plädiert der rührige Unternehmer für die Schaffung neuer Standards in den Behörden. Für Asylbewerber müssten keine Extra-Würste gebraten werden, sie benötigten aber eine engmaschige Begleitung. „Jeder einzelne in Arbeit gebrachte Flüchtling hängt nicht mehr rum, hat eine Aufgabe und sichert so den sozialen Frieden im Land.“

Ralf Stoffels, gleichzeitig Vizepräsident der Südwestfälischen Industrie und Handelskammer zu Hagen (SIHK), kritisiert das System. Bisher werden Asylbewerber in zwei Kategorien eingeteilt: Flüchtlinge aus unsicheren Herkunftsländern haben ein Bleiberecht, Flüchtlinge, die aus für sicher erklärten Herkunftsländern stammen, müssen mit ihrer Abschiebung rechnen. Ralf Stoffels ist sich durchaus bewusst, dass die Einführung einer Gesinnungsprüfung problematisch ist.

Flüchtlinge in die Pflicht nehmen

Dennoch benennt er eine Mindestforderung, die an Flüchtlinge gestellt werden sollte: „Wer als Asylbewerber nicht bereit ist, einen Sprach- und Integrationskurs mitzumachen, der muss wieder gehen. Wer Kurse abbricht, muss Leistungskürzungen in Kauf nehmen.“ Das Benennen eines gemeinsamen Zieles muss möglich sein. Bei Biw funktioniert es. „Wir haben innerbetrieblich eine multikulturelle Gesellschaft. Wir teilen gemeinsame Werte, suchen die Gemeinsamkeiten, um im Wettbewerb mit anderen Unternehmen zu überleben.“

Cemile Giousouf, die ihre zweite Sommertour unter das Thema „Wirtschaft, Wachstum, Innovationen“ gestellt hat, bekam von Ralf Stoffels weitere Unternehmer-Ansichten zu den Bereichen Leiharbeit, Finanzlage der Kommunen und Standortsicherung zu hören. Bei Biw gehört Leiharbeit wegen der schwierigen Kündigungsgesetzgebung zum Alltag. Nur mit Leiharbeitern ist es Biw möglich, flexibel auf sich ändernde Marktlagen einzugehen. Leiharbeit ist für das Ennepetaler Unternehmen aber auch ein wichtiges Mittel, um Dauerarbeitsplätze mit geeigneten Mitarbeitern zu besetzen. „Nach spätestens einem Jahr fällt bei uns die Entscheidung, ob ein Leiharbeiter bleiben kann. Die letzten 200 Mitarbeiter sind alle als Leiharbeiter gekommen“, sagt Ralf Stoffels.

Wünsche an die Politiker in Berlin

Zur desolaten Finanzsituation der NRW-Kommunen sagt Ralf Stoffels: „Wir werden ohne einen Schuldenschnitt nie und nimmer auf einen grünen Zweig kommen.“ Und zum Dreh an der Steuerschraube durch die Städte: „60 Prozent der Grundsteuer in Ennepetal zahlen die Unternehmen.“ Den Solidarpakt in Ennepetal will der SIHK-Vizepräsident als „Signal an die Politik in Berlin“ verstanden wissen.

Hinter dem Solidarpakt steckt folgendes Konzept: Die größten Gewerbesteuerzahler der Klutertstadt haben mit der Stadt einen Vertrag unterzeichnet und sich bereit erklärt, eine Millionensumme als Spende an die Stadtkasse zu überweisen. Die Kommune kann dadurch auf eine Erhöhung der Gewerbesteuer verzichten.

Auch wenn viele Themen Sache der Landespolitik sind, so hatte Ralf Stoffels eine direkte Bitte an seinen Politik-Gast Cemile Giousouf. „Bitte nehmen sie mit nach Berlin, dass, wenn in Nordrhein-Westfalen die steuerliche Belastung der Betriebe weiterhin zunimmt, beim Mittelstand keine Gewinne mehr entstehen und Arbeitsplätze gefährdet sind.“ Er selbst habe mit seinem Unternehmen auch schon reagieren müssen und Töchter in Polen (bisher 30 Mitarbeiter) und in China gegründet. Stoffels: „Der Mittelstand ist die Stütze der Region und nicht die Großunternehmen.“