Wenn die Mama ihr Kind nicht umarmen darf

Zentrum für Autismustherapie, Interdesziplinäre Frühförderung und Heilpädagogik für den Ennepe-Ruhr-Kreis. Leiterin Cordula Bauschke-Bertina dahinter ihr Team.
Zentrum für Autismustherapie, Interdesziplinäre Frühförderung und Heilpädagogik für den Ennepe-Ruhr-Kreis. Leiterin Cordula Bauschke-Bertina dahinter ihr Team.
Foto: WP

Ennepetal..  Der Hollywood-Klassiker „Rain Man“ ist für viele Menschen die einzige Berührung, die sie jeweils mit autistischen Menschen hatten. Dustin Hoffmann bekam für die Darstellung des autistischen Raymond im Jahr 1989 sogar den Oscar verliehen. Zu Recht, wie Anna Schwabeland-Tuschy sagt. „Das kommt extrem nahe an bestimmte Ausprägungen der Krankheit heran.“ Sie muss es wissen, schließlich hat die Psychologin täglich mit Autisten zu tun. Sie arbeitet im Zentrum für Autismus-Therapie, das seit dem 1. März für den südlichen Ennepe-Ruhr-Kreis zuständig ist.

Einjährige Wartezeit ist nun vorbei

Fast zeitgleich ging ein solches Zentrum auch in Witten an den Start, davor mussten Eltern und Betroffene stets mindestens bis nach Dortmund fahren – Wartezeiten auf einen Termin: mindestens ein Jahr. Das ist nun vorbei. Die Patienten können in Ennepetal bei Zentrums-Leiterin Cordula Bauschke-Bertina und ihrem Team aufschlagen.

Ist denn der Bedarf für ein solches Zentrum überhaupt vorhanden? „Wir haben aktuell 40 autistische Menschen in allen Altersklassen in Therapie“, sagt Bernhard Bertina, Ehemann der Leiterin und deren Stellvertreter. Die Diagnosezahl steige, sagt Anna Schwabeland-Tuschy. Das liege aber nicht daran, dass die Krankheit sich weiter verbreitet, sondern an einer differenzierteren Diagnostik, als sie noch vor zehn Jahren getätigt wurde. „Früher wurde alles unter ADHS verbucht. Bei etwa zehn Prozent schlugen die Ritalin und Co. allerdings nicht an, weil ausschließlich oder zusätzlich noch Autismus mit im Spiel war“, sagt die Expertin.

Bereits seit etwa zehn Jahren arbeitet das interdisziplinäre Team aus Heilpädagogen, Psychologinnen und Sozialpädagoginnen mit autistischen Menschen, vorwiegend Kindern und Jugendlichen zusammen. Nach zahlreichen Weiterbildungen und Zertifizierungen ist das Zentrum nun anerkannt.

Wie aber merke ich als Elternteil, dass mein Kind autistisch ist? Generell sei dies mit geschultem Blick ab etwa 18 Monaten zu erkennen, spätestens aber mit dem Eintritt in die Kita. Einschränkungen in der Kommunikation, im Sozialverhalten und in den Interessenslagen bilden die Triade für die Diagnose, wobei nur zwei Kriterien erfüllt sein müssen. „Anzeichen könnten sein, wenn das Kind stets allein spielt, oder fremdgesteuerten Körperkontakt, wie von der Mutter in den Arm genommen zu werden, ablehnt“, sagt Bernhard Bertina.

Ziel der Therapie ist es, den Autisten ein so selbstbestimmtes Leben wie eben möglich zu gewährleisten. „Ein Autist, kennt zum Beispiel den Busfahrplan der ganzen Stadt auswendig, ist aber nicht in der Lage dazu, in einen Bus einzusteigen und für ihn geht möglicherweise eine Welt unter, wenn der Bus zu spät kommt“, sagt Cordula Bauschke-Bertina. Daher werde jedes Kind ganz individuell betreut.

Spannend ist aus ihrer Sicht auch die Arbeit mit autistischen Erwachsenen. „Vor allem in diesem Bereich lernen wir jeden Tag hinzu“, sagt die Leiterin, die mit ihrem Team im EN-Kreis echte Pionierarbeit leistet.

 

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