Weiteres Gutachten soll Misshandlungs-Vorwurf klären

Schwelm..  Dass ein Spezialist für das Fetale Alkoholsyndrom herangezogen werden soll, ist bereits seit Wochen Thema. Nachdem ein Kinderarzt der Kinderklinik in Datteln erneut vor Gericht erschienen war, hat die 1. Große Jugendkammer des Hagener Landgerichts nun beschlossen, einen weiteren Spezialisten mit einem Gutachten zu beauftragen. Sie folgte damit einem Antrag der Verteidigung der Schwelmer Pflegeeltern. Das Fetale Alkoholsyndrom – auch als Fetale Alkohol-Spektrum Störungen (FASD) bekannt – würde nach Ansicht der Verteidigung die Symptome des Jungen wie starkes Untergewicht, Minderwuchs, fehlendes Unterhautfettgewebe und heftiges Erbrechen nach dem Essen erklären.

Die leibliche Mutter, eine 32-jährige Schwelmerin, hat am letzten Verhandlungstag vehement bestritten, während der Schwangerschaft Alkohol getrunken zu haben. Die Verteidigung ließ durchblicken, dass sie den Angaben der leiblichen Mutter des Jungen nicht wirklich Glauben schenkt. Ein mit FAS befasster Arzt, mit dem die beiden Anwältinnen schon seit Längerem in Kontakt stehen, habe ihnen bestätigt, dass die wenigsten Mütter da ehrlich seien, gaben sie am letzten Verhandlungstag zu bedenken.

Ein zum zweiten Mal geladener Kinderarzt der Kinderklinik in Datteln erklärte erneut: „Mein Gutachten bezieht sich auf den Gewichtsverlauf des Jungen. Und der passt nicht mit FAS zusammen. Ich möchte nicht ständig dasselbe sagen müssen.“

Auch hier zweifelte die Verteidigung. Offenbar hat sie Hinweise, dass sich FAS auswachsen kann, und stellte den Antrag, Prof. Dr. Hans-Ludwig Spohr hinzuzuziehen, einen ausgewiesenen Spezialisten, der die Krankheit schon seit vielen Jahren erforscht: „Wir sind nicht sicher, ob dem Gericht klar ist, wie speziell diese Krankheit ist. Sie wird vielfach übersehen. Sie weist eine hohe Variabilität auf. Der Experte wird bestätigen, dass der Junge FAS hatte“, hieß es im Antrag.

Nach einer Beratung gab das Gericht dem Antrag statt, aber unter anderen Voraussetzungen. Die Kontaktaufnahme zu dem Experten läuft ausschließlich über die Kammer und des Weiteren erklärte der Vorsitzende: „Wir glauben nicht, dass FAS die Wurzel allen Übels ist, aber wir können nicht ausschließen, dass es bei dem Jungen vorgelegen und so bestimmte Verhaltensweisen bei ihm ausgelöst hat, die wiederum bei den Pflegeeltern ein bestimmtes Verhalten bewirkt haben. Und das ist wichtig im Hinblick auf die Schuldfrage.“

Die Pflegeeltern kämpfen seit nun fast einem halben Jahr gegen den Vorwurf an, ihren Pflegesohn nicht ausreichend mit Nahrung und Kalorien versorgt zu haben. Sie beschrieben, wie das Kind ohne Sättigungsgefühl Essen in sich hineinschlang und dann erbrach und sie in ihrer Verzweiflung kleinere Portionen gaben, damit er etwas im Bauch behielt. Von den damaligen Ärzten fühlten sie sich im Stich gelassen und schlecht beraten.

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