Unterricht im zerbombten Schulgebäude

Andreas Gruber
Die Aufnahme zeigt den 1912 eröffneten Neubau des Schwelmer Gymnasiums. Seit 1955 trägt die Schule den Namen Märkisches Gymnasium Schwelm. Das Bild stammt aus dem Band „Schwelm in alten Ansichten“ von Gerhard Kleinhempel.
Die Aufnahme zeigt den 1912 eröffneten Neubau des Schwelmer Gymnasiums. Seit 1955 trägt die Schule den Namen Märkisches Gymnasium Schwelm. Das Bild stammt aus dem Band „Schwelm in alten Ansichten“ von Gerhard Kleinhempel.
Foto: WP

Schwelm.  70 Jahre nach ihrem Wechsel von der Volksschule zur Oberschule für Jungen trafen sich Ehemalige am Märkischen Gymnasium wieder. Das Wiedersehen war auch ein bewegendes Kapitel Schwelmer Schulgeschichte.

Das Treffen hatten Theo Weuster, Friedel Piepenbrink und Joachim Heringhaus organisiert. 24 Mitschüler aus früheren Zeiten hatten sie noch anschreiben können, elf schließlich waren erschienen, darunter Ehemalige, die heute in Geseke und Hemer leben. „Einige mussten leider absagen, weil ihnen die Anreise zu anstrengend war“, erklärte Theo Weuster mit Verweis auf das inzwischen ja nun doch schon fortgeschrittene Alter. Nach der Besichtigung der alten Schule – Wolfgang Thomas führte durch die Räume des Märkischen Gymnasiums – ging es ins Restaurant Neuenhof, wo so manche Anekdote von früher ausgetauscht wurde.

Doppeljahrgang

Es war die Zusammenkunft derer, die 1934 und 1935 geboren sind und deren Wechsel von der Volksschule zur „Weiterführende“ in eine Zeit fiel, die von Not, Elend und leidlichen Einschränkungen geprägt war. Es war ein Doppeljahrgang, der auf die Oberschule drängte, da in den letzten Kriegsmonaten 1944/1945 nicht mehr unterrichtet wurde, wie Theo Weuster berichtete. 100 Jungen hätten damals bei der mehrtägigen Aufnahmeprüfung in den wichtigsten Fächern wie Deutsch und Mathematik mitgemacht. 54 hatten sie schließlich bestanden, wie Friedel Piepenbrink, der später Studiendirektor am „Märkischen“ war, recherchiert hatte. Ostern 1946 seien sie als erste Sexta nach dem Krieg in Schwelm gestartet. Als reine Jungenklasse, als privilegierte Minderheit, aber mit Schülern aus allen Gesellschaftsschichten, auch aus Arbeiterfamilien, so Piepenbrink. Die Mädchen wurden damals getrennt unterrichtet.

„Wir saßen damals mit 54 Jungen in einem Klassenraum und wurden von alten Knochen, von denen viele schon über 60 waren, unterrichtet“, erinnert sich Theo Weuster. Jüngere Lehrer gab es 1946 so gut wie keine. Sie verloren im Krieg ihre Leben waren vermisst oder befanden sich in Gefangenschaft.

Kurzunterricht von 20 Minuten

Der Unterricht an der Schule war nach Kriegsende beschwerlich. Das Gebäude war durch Bomben stark beschädigt, nicht alle Klassenräume beheizbar. „Die Heizung fiel oft aus, vor allem wegen fehlenden Heizmaterials. Dann war nur an wenigen Tagen in der Woche Kurzunterricht von 20 Minuten möglich oder es wurden nur Hausaufgaben gestellt, die dann das nächste Mal bei der täglichen Schulspeisung eingesammelt und von den Lehrern zu Hause korrigiert wurden“, berichtete Friedel Piepenbrink.

Oft wurde Heizmaterial nur für die tägliche, aber überlebenswichtige Schulspeisung geliefert, häufig erst nach mehrmaligen Eingaben von Schulleiter Dr. Fritz Helling bei der damaligen Militärregierung. Die Schulspeisen wurden dann in der Kellerwohnung von Hausmeister Böhmer gekocht und von den größeren Schülern in den Klassen verteilt.

Die Ehemaligen können sich noch gut daran erinnern, dass es nach dem Krieg in den meisten Fächern keine Lehrbücher gab. „Auch Schreibhefte und Schreibmaterialien waren anfangs knapp.“ Daher bedeutete Unterricht oft reine „Tafelarbeit“. Kaum zu glauben für heutige Schülergenerationen: Die Anfangsfremdsprache damals war Latein. Erst in der dritten Oberschulklasse folgte Englisch, in der 10. Klasse dann als Wahlfach Französisch. „Viele Schüler aus unserer Klasse nahmen erfolgreich an den Werkkursen „Schreinerei“, „Schlosserei“, „Buchbinderei“ teil, die Schulleiter Dr. Helling im Rahmen seiner Reformen an unserer Schule hatte einrichten lassen“, erinnert sich Piepenbrink. Helling, bedeutender Reformpädagoge, der vor dem Krieg am Schwelmer Reformgymnasium unterrichtete und von den Nazis Berufsverbot erhielt, hatte 1945 die Leitung der beiden Oberschulen für Mädchen und Jungen übernommen.

1952, nach sechs Schuljahren, war für den Doppeljahrgang die Mittlere Reife erreicht. „Deutlich mehr als die Hälfte unserer Mitschüler verließen die Oberschule, um einen Beruf zu ergreifen oder sich an Fachschulen weiterzubilden“, erinnert sich Friedel Piepenbrink. Der Rest strebte das Abitur an.