Terrorismus aus der Chefarzt-Perspektive

Lore Störring, Verwaltungskoordinatorin der Fliedner-Klinik, und Chefarzt Dr. Marc-Andreas Edel laden zum Vortrag ein.
Lore Störring, Verwaltungskoordinatorin der Fliedner-Klinik, und Chefarzt Dr. Marc-Andreas Edel laden zum Vortrag ein.
Foto: WP

Gevelsberg.  „In das Thema habe ich viele Stunden investiert“, sagt Dr. Marc-Andreas Edel. Der Leiter der Gevelsberger Fliedner-Klinik hat sich vorgenommen, in seinem nächsten Chefarzt-Gespräch das Unfassbare fassbar zu machen. Es geht um Amok und Terror, nicht aus der Sicht der Politiker, sondern des Mediziners, besser gesagt: Des Psychiaters.
Edel weiß, dass der Wirkung seiner Worte Grenzen gesetzt sind: „Direkte Ängste rational abbauen, kann man nicht.“ Was nutze es schon, wenn der Wissenschaftler feststellt, dass die Gefahr, Opfer eines Terroranschlags oder eines Amoklaufs zu werden, äußerst gering ist? Die Gefahr, bei der unvermeidlich bevorstehenden Grippewelle zu Tode zu kommen, sei wesentlich größter. „Terror und Amoklauf sind eine extrem geringe Bedrohung“, sagt Edel.

Obwohl der Chefarzt auch zugeben muss, dass der Terrorismus von der Wissenschaft noch wenig untersucht wurde: „Es ist eine Frage der Ethik. Darf man sich mit einem Terroristen unterhalten? Ist es vielleicht zu gefährlich?“ Und doch liegen viele Daten und Fakten solcher auf den ersten Blick unverständlichen Taten vor, die dem Psychologe weiter helfen. Amokläufer sind meist Einzelgänger, Sonderlinge, die sich verlassen fühlen und ein Misstrauen gegen ihre Umwelt empfinden. „Sie sind keine Opfer von aktivem Mobbing, aber sie haben das Gefühl keinen Anschluss zu finden“, sagt Edel. Irgendwann wende sich die Anschauung. Die Opferrolle werde abgelegt, gegen die Einbildung eingetauscht: Ich bin etwas Besonderes. Bei der Tat seien sie davon überzeugt, das Richtige zu tun. Alles andere würde verdrängt.

Soziale Kontakte fehlen

Ein Urteil fällen, ob Computerspiele mit Gewaltverherrlichung diese Entwicklung direkt unterstützen, will Marc-Andreas Edel nicht – aber: Die Zeit vor dem Bildschirm fehle für soziale Kontakte. Amokläufer seien deshalb nicht in der Lage, sich in andere Menschen hinein zu versetzen und zu begreifen, welches Leid, welchen Schmerz sie ihnen bereiten. Ihne fehle die Wärme und emotionale Nähe der Familie. Deshalb sollte man in Schulen auf Einzelgänger achten, die sich merkwürdig benehmen und sehr viel Zeit mit Computerspielen verbringen.
Selbstmordattentäter dagegen werden, so der Chefarzt der Fliedner-Klinik, bereits als 12- oder 13-Jährige regelrecht für ihre Tat abgerichtet. Die Terroristen nutzen die jungen Jahre des Menschen, in denen das Gehirn noch formbar sei.

Erweiterter Selbstmord

Beim Terrorismus nimmt Dr. Marc-Andreas Edel auch die Medien in die Pflicht. Die Attentate seien eigentlich als ein erweiterter Selbstmord zu beurteilen: „Und Selbstmord ist in der Bibel und noch stärker im Koran ein schweres Vergehen.“ Auch sollten nicht die Namen der Selbstmörder in der Berichterstattung genannt werden. „Sie werden in ihren Heimatländer wie Stars verehrt, die Porträts von ihnen werden wie bei uns Fußballbilder getauscht“, sagt Edel. Zu dieser Glorifizierung sollte die Erwähnung in westlichen Medien nicht noch beitragen. Langfristig komme man aber nicht herum, ethnischen und religiösen Gruppen eigene Territorien zuzubilligen.

Wohl gemerkt: Das sind nicht die Rezepte eines Politikers, sondern die eines Mediziners. Und noch eine Erkenntnis wird Edel in seinem Vortrag weiter geben: „Die Menschen, die bei diesem Thema am meisten emotionalisiert sind, sind am wenigsten informiert.“

 
 

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