„Stärke zeigen, gelassen und besonnen bleiben“

Was wurde bereits angeschoben? Wo hakt es? Was kann noch besser werden? Rund 120 Menschen folgten dem Aufruf der Stadt in den Pfarrsaal St. Marien, um über die Situation der Flüchtlinge und die Hilfe für sie zu sprechen.
Was wurde bereits angeschoben? Wo hakt es? Was kann noch besser werden? Rund 120 Menschen folgten dem Aufruf der Stadt in den Pfarrsaal St. Marien, um über die Situation der Flüchtlinge und die Hilfe für sie zu sprechen.
Foto: WP

Schwelm..  Stadt, Verbände und Ehrenamtliche kümmern sich auf vielfältige und pragmatische Weise um die Unterbringung und Betreuung der Flüchtlinge in Schwelm. Die Arbeit könnte noch effektiver werden, wenn sie untereinander besser koordiniert wäre. Dies ist das Fazit des zweiten – sogenannten – Schwelmer Flüchtlingsgipfel am Dienstagabend.

Rund 120 Menschen folgten dem Aufruf der Stadt in den Pfarrsaal von St. Marien und wurden von Bürgermeisterin Gabriele Grollmann mit den Worten begrüßt: „Es gilt, Stärke zu zeigen, gelassen zu bleiben, besonnen zu bleiben“. Ihr Appell bezog sich ausdrücklich auch auf die Attacken von Köln.

Der Dank von Schwelms erster Frau galt insbesondere den vielen Ehrenamtlichen, die sich seit dem ersten Flüchtlingsgipfel im Frühjahr vergangenen Jahres aufgemacht hatten, mit viel persönlichem Einsatz und engagiertem Handeln die Situation der Flüchtlinge in Schwelm zu verbessern. Ohne sie, so eine Erkenntnis des Abends, wäre diese Aufgabe nicht zu bewältigen.

Bürgermeisterin Grollmann forderte in ihrer Ansprache die Muslime in Schwelm, ausdrücklich die Ditib-Moschee an der Hattinger Straße, auf, sich aktiv in die Flüchtlingsarbeit einzubringen. Mit ihrem „Wissen über Gepflogenheiten und Regeln der muslimischen Gesellschaft“ könnten sie eine vermittelnde Rolle einnehmen. „Bringen Sie sich ein, öffnen Sie sich. Übernehmen Sie zusammen mit ihren Frauen Verantwortung für unsere Stadt“, so der Appell der Bürgermeisterin.

So sieht es derzeit aus

Im vergangenen Jahr kamen 530 Flüchtlinge nach Schwelm, so der dafür zuständige Fachbereichsleiter Peter Eibert. Das sind weit mehr als die Jahre zuvor (2014: 146; 2013: 91). Die meisten von den aktuell in Schwelm lebenden Flüchtlingen stammen aus Syrien (156), gefolgt von Iranern (60), Irakern (58), Albanern (58) und Afghanen (38). Die Zahl der Menschen aus den Balkanländern nehme seit Wochen deutlich ab.

Untergebracht sind die Flüchtlinge in Schwelm aktuell in 82 von der Stadt angemieteten Wohnungen sowie im früheren Gemeindehaus an der Bergstraße (aktuell 30 Personen) bzw. in der Turnhalle an der Markgrafenstraße (aktuell 40 Personen). Entschieden, am Dienstag aber nicht erwähnt, ist die Unterkunft von 140 Flüchtlingen in der ehemaligen Schule an der Kaiserstraße 69.

Für die Bewältigung der Flüchtlingsarbeit stehen dem Fachbereich aktuell ein Sozialarbeiter und ein „ausgeliehener“ Mitarbeiter vom DRK zur Verfügung. Nächsten Montag wird das kleine Team um eine Sozialarbeiterin aufgestockt. Die Unterstützung durch die Ehrenamtlichen bleibt weiter erforderlich.

Das machen Ehrenamtliche

Die Willkommensinitiative organisiert neben dem Warenhaus für Flüchtlinge (Kleidung, Haushaltswaren, Spielzeug) unter anderem das Willkommenscafé und ein Team, dass bei der Herrichtung von Flüchtlingswohnungen unter die Arme greift. Deutlich wurde in dem Bericht von Heike Philipp, wie schnell daraus eine generelle Betreuung erwächst. Um die Hilfe für Flüchtlinge auf feste Beine zu stellen, werden inzwischen auch Sprachkurse und Kinderbetreuung angeboten. Unter anderem.

Diese Erfahrung machen gerade auch die Ehrenamtlichen Sprachpaten Schwelm, wie Klaus Hufnagel ausführte. Ursprünglich ging es nur um Sprachförderung für Flüchtlinge (aktuell 25 bis 30 Lernende), die noch keinen Deutschkurs bei der VHS belegen. Aktuell „Daraus wurde schnell eine Betreuung, die mehr Zeit beansprucht als der eigentliche Sprachunterricht“, so Hufnagel.

Umgekehrt war es bei den Flüchtlingspaten, wie Astrid Seckelmann berichtete. „Aus unserer Betreuung entstand ein Sprachkurs.“ Angesichts inhaltlicher Überschneidungen und aufgrund vieler Fragen, die an dem Abend aufkamen, forderte nicht nur Seckelmann eine stärkere Vernetzung der Gruppen und Verbände untereinander.

Ehrenamts-Koordinatorin

Dazu wird es kommen. Bürgermeisterin Gabriele Grollmann stellte am Dienstagabend Anke Kelch vor, die ab Montag, 18. Januar, die neu eingerichtete Ehrenamtsstelle bei der Stadt Schwelm besetzen wird. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit wird die Koordination der Initiativen rund um die Betreuung von Flüchtlingen in Schwelm sein (siehe Artikel).

Auf Kreisebene wird derzeit eine Datenbank erstellt, in der ab Mitte Februar alle im Kreis verfügbaren Integrationsangebote abrufbar sind (www.vielfalt-en.de). Außerdem hat der Kreis die Stelle eines Bildungskoordinators beantragt.

Wo es noch hapert

Die Willkommensinitiative will mehr Transparenz, was die Unterbringungssituation und die finanzielle Ausstattung von Flüchtlingen betrifft. Es sei nötig, um negativer Stimmung gegen Flüchtlinge entgegenzusteuern.

In der geplanten Sammelunterkunft an der Kaiserstraße sollte ein Gruppenraum für Kinder, die noch keine ärztliche „Freigabe“ für Kindergärten, Schule bzw. den Angeboten des Kinderschutzbundes haben, eingerichtet werden. Auch müsse ein neuer Standort für Warenhaus und Willkommenscafé her, da die Hauptschule ab Sommer nicht mehr zur Verfügung steht.

Gesundheitskarte

Laut wurde auch die Forderung nach der Gesundheitskarte für Flüchtlinge. In Gevelsberg gibt es sie schon. Aktuell müssen Kranke in Schwelm sich vor ihrem Arztbesuch erst das Ok der Behörde einholen – ein Verfahren, was auch viel Zeit der Ehrenamtlichen schlucke, die die Flüchtlinge zum Amt begleiten. Die Fraktion von der Partei Die Linke hat inzwischen den Antrag gestellt, die Gesundheitskarte auch in Schwelm einzuführen. Eine Entscheidung dazu soll im Sozialhilfeausschuss am 16. März getroffen werden.

Beschäftigung der Flüchtlinge

Ein Wunsch der Ehrenamtlichen ist auch die Einrichtung von Stellen im Bundesfreiwilligendienst. Seit dem 1. Dezember 2015 können die Bufdi-Stellen auch von Asylbewerbern besetzt werden. Denkbare Einsatzorte gibt es reichlich. Unter anderem bei der Essensausgabe in der Turnhalle Markgrafenstraße, im Möbelteam der Willkommensinitiative oder in deren Kindergruppe. Bürgermeisterin Gabriele Grollmann sicherte eine Prüfung zu, verwies aber auf die städtische Haushaltslage. Solange der Haushalt nicht genehmigt ist, sei das nicht machbar, weil es sich beim städtischen Anteil an der Bufdi-Stelle um eine freiwillige Leistung handelt.

Was die Beschäftigung von Flüchtlingen auf dem regulären Arbeitsmarkt betrifft, wies SIHK-Vizepräsident und Unternehmer Ralf Stoffels auf die nach wie vor hohen Hürden seitens des Gesetzgebers hin. Das gelte selbst für ein Praktikum, wie er selbst erfahren musste. „Da bricht erst ganz langsam was auf“, so Stoffels.

Auffangklasse

Die Stadt hat im Dezember zwei Auffangklassen für schulpflichtige Kinder aus Flüchtlingsfamilien bei der Bezirksregierung Arnsberg beantragt. Eine Klasse soll an der Realschule eingerichtet werden, die andere am Gymnasium. Eine Antwort aus Arnsberg steht noch aus. Die Willkommensinitiative hatte am Dienstagabend auf die Notwendigkeit solcher Klassen hingewiesen.

Wo noch Hilfe benötigt wird

Das Möbelteam der Willkommensinitiative sucht noch Helfer, die beim Aufbau von Schränken und Betten und beim Aufhängen von Gardinen mitanpacken (Info: Tel. 0178-1439743).

Auch im Warenhaus werden noch Kräfte benötigt, die beim Sortieren, Einräumen und bei der Ausgabe mithelfen (Info: Tel. 02336-8079898).

Die Ehrenamtlichen Sprachpaten suchen noch Menschen, die beim Sprachunterricht mithelfen. Eine Lehramtsausbildung wird ausdrücklich nicht vorausgesetzt (Info: Tel. 02336/81614).

Noch Helfer könnte auch der Kinderschutzbund in Schwelm gut gebrauchen, unter anderem für die gemeinsamen Kochkurse (Info: Tel. 02336/7040).

Beim Sprachkurs der Flüchtlingspaten für persisch-sprachige Frauen wird noch dringend eine Übersetzerin mit Persisch-Kenntnissen gesucht (Info: Tel. 02336/830493).

Im Schwelmer Sport Club reift gerade die Idee, Fahrräder für Flüchtlinge zu sammeln, damit sie auf dem Weg zum Sport, aber auch sonst, nicht auf Bus und Bahn angewiesen sind. Das Projekt soll in Kürze vorgestellt werden.

 
 

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