Sicherheit keine Glaubensfrage

Die Mitglieder des Arbeitskreises Polizei und Muslime
Die Mitglieder des Arbeitskreises Polizei und Muslime
Foto: Jochen Tack
Der Arbeitskreis Polizei und Muslime im Ennepe-Ruhr-Kreis ist eine bundesweit einmalige Initiative.

Ennepe-Ruhr. Ein Polizeiseelsorger – also ein Vertreter des christlichen Glaubens – geht in eine Moschee und führt dort ein Anti-Gewalt-Training für muslimische Jugendliche durch – und der Imam hat ihnen zur Teilnahme geraten. Eine absurde Vorstellung? Vielleicht in vielen Gebieten Deutschlands, nicht im Ennepe-Ruhr-Kreis. Hier ist es Tatsache und ein Beweis dafür, wie groß inzwischen das Vertrauen der Muslime zur Polizei geworden ist.

Der Arbeitskreis Polizei und Muslime macht es möglich – ein deutschlandweit einmaliges Projekt. Vor vier Jahren ist er gegründet, ein Jahr später durch einen Kooperationsvertrag zwischen Moscheen und dem Kreis mit Unterstützung des türkischen Generalkonsuls bestätigt und jetzt mit der Verleihung des NRW-Landespreises Innere Sicherheit ausgezeichnet worden.

Dass die Muslime der Moscheevereine in Gevelsberg, Schwelm, Wetter und Hattingen die Frauen und Männer in Uniform als „Freunde und Helfer“ ansehen, ist alles andere als eine Selbstverständlichkeit. In den Ländern, aus denen sie nach Deutschland gekommen sind, spielt die Polizei meist eine andere Rolle. Sie repräsentiert in erster Linie die Staatsgewalt.

Hier tut sie das auch, will aber auch beraten, Verbrechen und Unfälle verhindern, bietet Anlaufstellen bei Problemen an. Häusliche Gewalt ist so ein Thema, das in den Gesprächen im Arbeitskreis Polizei und Muslime keine Tabu ist. „Wir unterhalten uns auf Augenhöhe“, sagt Kriminaloberrat Helmut Seelig, Leiter des Arbeitskreises. Man könne inzwischen locker über alles reden, weil man sich kennengelernt hat. „Auch für uns war es beim ersten Treffen neu, eine Moschee von innen zu sehen“, sagt Dieter Bahs, einer der Beamten, der den Kontakt zu den Muslimen hält.

So können auf dem kurzen Dienstweg Missverständnisse ausgeräumt werden. „Zum Beispiel, dass die Polizei bei politischen Wahlen nicht einfach die Plakate von rechten Parteien mit deren Parolen entfernen kann“, erklärt Seelig. Oder, dass eine rote Ampel dem Autofahrer keinen Spielraum gibt. „In der Türkei ist das eher eine Empfehlung zum Anhalten“, meint Polizeisprecherin Birte Bönisch. Es ist eben Vieles anders. Zum Beispiel der Weg zur Schule. Die Mädchen und Jungen müssen wissen, dass es auf den Straßen des Ennepe-Ruhr-Kreises mehr Verkehr gibt, als in den ländlichen Gegenden, aus denen sie kommen oder in denen ihre Eltern ihre Erfahrungen mit den Autos gemacht haben.

Da spricht auch einmal der Imam in der Moschee davon, dass in Deutschland Opfer von Gewaltverbrechen nicht allein gelassen werden und sich Wohnungsbesitzer vor Einbrechern schützen müssen. Der Weiße Ring ist genauso mit im Boot wie das Kommissariat Vorbeugung. Sprachkurse für die Geistlichen werden angeboten, die eingereist sind, um die Muslime zu betreuen. Erste-Hilfe-Kurse und auch Fußballturniere werden veranstaltet. Am Spielfeldrand gibt es dann deutschen Kuchen und türkische Fleischspezialitäten vom Grill.

Die Polizei bringt auch einmal die Kollegen von der Feuerwehr mit. Die Kinder sind von den glänzenden roten Autos begeistert und ihre Eltern lassen sich beraten, wie sie ihre Moschee besser vor den Flammen schützen können. Inzwischen gibt es auch einen Frauenkreis, der über die spezifischen Fragen, die das weibliche Geschlecht speziell interessieren, diskutiert.

Rund 5000 Muslime vertreten die vier an dem Arbeitskreis beteiligten Moschee-Vereine aus Schwelm, Gevelsberg, Hattingen und Wetter. Sind die meisten davon Türken? „Nein“, sagt Polizeisprecherin Birte Bönisch, „die meisten davon sind längst Deutsche.“ Das nächste Vorurteil ist widerlegt.

 
 

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