Schwierige Spurensuche mit Gefühl

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Schwelm.. Wer etwas über den Tod von Erzbischof Engelbert erfahren möchte, muss nicht lange nach Informationen suchen. Die Literatur darüber füllt mittlerweile ganze Bücherregale. Viele Autoren geben Aufschluss über die Hintergründe, warum der damalige Reichsverweser auf seinem Weg von Soest nach Köln im heutigen Gevelsberg ermordet worden ist – und das, obwohl die Gräueltat schon 786 Jahre zurückliegt. Vielleicht aber auch gerade deshalb. Denn wer etwas über die Geschichte seiner Heimatstadt in der Zeit der Nationalsozialisten lesen möchte, macht sich vergeblich auf die Spurensuche. Über diesen eher neuzeitlichen Teil der Heimatgeschichte liegt in der Regel noch der Deckmantel der Geschichte.

Thema mit „Zündstoff“

„Selbst unser Stadtschreiber Gerd Helbeck hat sich an dieser Thema nicht herangewagt“, stellte Klaus Peter Schmitz zu Beginn seines Vortrags vor dem Seniorenkreis St. Marien fest. Unter dem Titel „Wider das Vergessen! – Schwelm in der Zeit des Nationalsozialismus“ hat sich der gelernte Elektromeister und engagierter Hobby-Historiker einem ganz besonders heiklen Abschnitt der Geschichte angenommen. Mit der Geschichte der Mariengemeinde hat Klaus Peter Schmitz schon einmal ein Stück Stadtgeschichte in Buchform gegossen. Seine Chronik über die Schwelmer Kolpingsfamilie ist ebenfalls abgeschlossen und wird bald gedruckt vorliegen.

Sein dritter Geschichtsband wird sicherlich für mehr „Zündstoff“ bei den Lesern sorgen. Die Recherchen für „Schwelm in der Zeit des Nationalsozialismus“, so der Arbeitstitel, sind abgeschlossen. Dazu hat Klaus Peter Schmitz seine Erfahrungen aus dem Kirchenarchiv und den Unterlagen der Kolpingsfamilie zusammengetragen und etliche Stunden im Schwelmer Stadtarchiv verbracht und alte Bände der Schwelmer Zeitung, ab 1930 das Sprachrohr der NSDAP, wie Schmitz sagt, gewälzt. Jetzt geht es ans Schreiben. In rund einem Jahr hofft der 67-Jährige, dass sein dritter Band erscheinen kann.

Einen kleinen Teil seiner Fleißarbeit teilte der geschichtliche Quereinsteiger jetzt mit den Besuchern des Seniorenkreises St. Marien. Im Teil 1 seines Vortrags ging es um die Zeit zwischen der Machtergreifung der NSDAP 1933 bis 1937. Einen zweiten Vortragsteil kündigte Schmitz für das Frühjahr an. Dann will der Autor einen Blick auf die Judenverfolgung und den Holocaust aus Schwelmer Sicht werfen. „Ich kann die Namen nicht nennen. Es leben noch zu viele Leute der Nachfolgergeneration.“

Einige Namen fallen dann aber dennoch. Schmitz macht sehr bald klar, dass die NSDAP nicht eine Partei der Arbeiterbewegung war. Viele Unternehmer, Angestellte, Handwerker, Beamte und eben das Bürgertum hätten hinter der Partei gestanden. Aber auch nicht ganz Schwelm habe hinter den Nazis gestanden. „Über 3000 Wähler haben 1933 in Schwelm gegen die NSDAP gestimmt“, sagt Schmitz. Die Machtverhältnisse seien nicht klar gewesen. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler habe sich die Nationale Front in Schwelm ganze sechs Tage Zeit gelassen für eine offizielle Jubelfeier. Aber nur einen Tag nach der Reichskanzlerkür habe hingegen die KPD auf dem Kaiser-Friedrich-Platz (heute Neumarkt) zur Demonstration gegen Antifaschismus aufgerufen.

Hitler wird Ehrenbürger

Doch auch in Schwelm ging es rasant voran mit der Nationalsozialisten. Bereits im März 1933 seien Mitglieder der SA, SS und des Stahlhelms zu „Hilfspolizisten“ ernannt worden. Im gleichen Jahr wurde Straßen unbenannt, die Hauptstraße wurde zur Adolf-Hitler-Straße, die Oststraße (das Stück zwischen Sparkasse und Reschop) wurde zur Hermann-Göring-Straße. 1934 konnte das Luftschutzdenkmal auf dem Bürgerplatz dank einer Spende des Eisenwerks aufgestellt werden. Und bereits am 19. April 1933 fertigte der Magistrat der Stadt Schwelm die Urkunde aus, die Adolf Hitler zum Ehrenbürger von Schwelm machte. Die Zeit von 1933 bis 1945 reichte aber auch aus, um Familien zu entzweien. Schmitz berichtete von Schwelmer Familien, von denen ein Abkömmling es sogar bis zum Leiter eines KZ in Warschau „gebracht“ hatte und deren Linien sich in 100-prozentige Nazis (die braune Linie) und völlige Ablehner dieser Gesinnung teilten – und geteilt bis heute auch geblieben sind. Vor vorschnellen Urteilen solle man sich aber hüten, meinte Klaus Peter Schmitz: „Ich kann nichts dazu, was meine Eltern getan haben. Ich kann nur dafür sorgen, das so etwas nie wieder passiert. Deshalb schreibe er gegen das Vergessen.“

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