Religionen im EN-Kreis: „Diese Entwicklung ist krass“

Neue Serie „Reine Glaubenssache“ startet. Menschen im Kreis sprechen über Glaube und Religion.
Neue Serie „Reine Glaubenssache“ startet. Menschen im Kreis sprechen über Glaube und Religion.
Foto: Manuela Nossutta
Religionswissenschaftler Dr. Jens Schlamelcher zum Start der Serie über religiöse Trends, Fundamentalismus und die Kraft des Glaubens.

Schwelm.. Zum Start der Serie „Reine Glaubenssache“ gibt Religionswissenschaftler Dr. Jens Schlamelcher von der Ruhr-Universität-Bochum einen Überblick über das religiöse Feld im Ennepe-Ruhr-Kreis. Im Gespräch mit dieser Zeitung verrät der Wissenschaftler Trends, neue Entwicklungen und erklärt, warum sich junge Menschen dem Islamischen Statt (IS) anschließen.

Ein Großteil der Menschen gehört auch im EN-Kreis den christlichen Kirchen an. Wie viel sagen solche Zahlen über den individuellen Glauben aus?

Dr. Jens Schlamelcher: Über individuellen Glauben sagen solchen Zahlen erst mal nichts aus. Das Problem bei solchen Statistiken ist, dass man eigentlich zwei unterschiedliche Sachen erheben müsste. Einmal die formale Mitgliedschaft und auf der anderen Seite die aktive Teilnahme. Dass jemand formal Mitglied in der evangelischen oder katholischen Kirche ist, heißt nicht, dass diese Person in den letzten fünf Jahren eine Kirche von innen gesehen hat. Oder höchstens mal an Weihnachten. Den Daten nach sieht es so aus, als gehören die meisten Menschen der evangelischen und katholischen Kirche an. Aber es geht ja darum, wer ist wirklich aktiv und voll dabei.

Wie viele Menschen, die formal Mitglied in einer christlichen Kirche sind, sind auch wirklich aktiv dabei?

Schlamelcher: Da sieht das Bild schon ganz anders aus. Indikatoren für aktive Teilnahme sind zum Beispiel regelmäßiger Gottesdienstbesuch. Im Jahr 2010 haben zum Beispiel 30 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung der evangelischen oder katholischen Kirche angehört. Wirklich aktiv waren bei der katholischen Kirche 3,2 Prozent und bei den evangelischen sogar nur 1,29 Prozent. Und das ist richtig krass. Anders sieht das bei freikirchlichen Gemeinden aus.

Inwiefern?

Schlamelcher: Wenn sie in einer Freikirche sind, dann sind die allermeisten auch wirklich voll dabei. Das ist auch bei einigen in den evangelischen und katholischen Kirchen so, aber viele haben mit Religion und Jesus nicht viel am Hut. Freikirchen müssen sich nicht mit Leute herumschlagen, die es mit dem Glauben nicht so ernst nehmen. Die großen Kirchen müssen den Spagat schaffen, sich für ein nicht religiöses Publikum zu öffnen, denn etwa 30 Prozent der Mitglieder können mit religiösen Inhalten nicht wirklich was anfangen. Gleichzeitig müssen sie auch den Leuten gerecht werden, denen der Glaube am Herzen liegt.

Dieser Spagat gelingt anscheinend immer weniger, denn die Kirchenaustritte steigen stetig an.

Schlamelcher: Ja genau, dass ist ein deutschlandweiter Trend, den wir auch im Ennepe-Ruhr-Kreis sehen. Seit den 80er Jahren ist sowohl die formale als auch die aktive Teilnahme rapide gesunken. Bei der katholischen Kirchen gehen die Zahlen noch viel deutlicher runter, allerdings von einem höheren Ausgangsniveau aus.

In den Medien kommen immer wieder Themen wie Zölibat und Frauenpriestertum auf. Würde eine Kehrtwende den Abwärtstrend stoppen?

Schlamelcher: Es könnte dazu führen, dass weniger Menschen formal austreten, weil sie sich wieder mehr mit der Kirche identifizieren können. Und ich spüre den Wunsch an der Basis, das Veränderung kommen muss. Allerdings glaube ich nicht, dass sich das wirklich auf die aktive Teilnahme auswirken würde. In der 60ern gab es schon einmal große Anpassungen. Nach dem zweiten vatikanischen Konzil wollte sich die katholische Kirche für eine moderne Gesellschaft öffnen. Nur zwei Jahre später begann die große Austrittswelle, die bis heute anhält und durch Ereignisse wie die Missbrauchsfälle oder den Fall Tebartz van Elst neuen Aufschwung bekommt.

Erkennen Sie trotzdem den Wunsch nach Spiritualität?

Schlamelcher: Studien belegen das nicht. Seit den 80er Jahren bleibt die Zahl deren, die sich für Spiritualität interessieren relativ stabil. Es werden zwar mehr Bücher über Esoterik und Spiritualität gekauft, das geht allerdings in vielen Fällen nicht in eine aktive Beteiligung über. Nur etwa ein bis zwei Prozent der Gesamtbevölkerung nimmt an spirituellen Angeboten teil.

Atheistische Verbände erhalten Zulauf, auch was die Angebote von weltliche Redner angeht. Wie beurteilen sie diesen Trend?

Schlamelcher: Es gibt in verschiedenen Lebenslagen ein religiösen Bedarf. Gerade bei dem Thema Tod drängt sich das Religiöse geradezu auf. Da ist noch viel Unsicherheit und viele bleiben deswegen auch formal Angehörige der Kirche. Für andere sind Atheisten ein neuer Anlaufpunkt. Allerdings ist die Nachfrage momentan noch nicht so hoch, dass man als weltlicher Trauerredner reich werden kann.

Was bewirkt Glaube in Krankheit oder am Lebensende?

Schlamelcher: Glaube kann bei Krankheiten durchaus positiv wirken. Aber das Ganze kann auch nach hinten losgehen. Wenn gläubige Menschen am Lebensende der Überzeugung sind, dass sie gesündigt haben und Gott ihnen nicht verzeiht, kann das ganz fatale Auswirkungen auf die Psyche haben.


Auch im EN-Kreis gibt es Veranstaltungen zu interreligiösem Dialog. Findet der Austausch auch im Alltag statt?

Schlamelcher: Leider noch nicht sehr viel. Oft sind es die selben Leute in einem Zirkel, die sich engagieren. Die tragen das dann zwar in ihre Gemeinden, aber da ist noch Luft nach oben.

Ein junger Mann aus Ennepetal soll sich dem IS angeschlossen und in Bagdad in die Luft gesprengt haben. Wie groß schätzen Sie die Bedrohung durch radikale Islamisten in der Region ein?

Schlamelcher: Die statistischen Zahlen dazu sind fast zu vernachlässigen. Trotzdem können diese wenigen Fälle einen enormen qualitativen Effekt haben.

Was veranlasst junge Menschen wie den Ennepetaler zu solchen Taten?

Schlamelcher: Der IS zieht Menschen an, die meistens erst vor kurzer Zeit konvertiert sind. Die Terrororganisation zieht in Deutschland vor allem Jugendliche an, die schlecht integriert sind. Das heißt einmal schlecht integriert in die Gesellschaft, in die Teilhabe an Bildung. Dies sind häufig Jugendliche, die keinen Schulabschluss, kein Geld haben und schon erste Erfahrungen im kleinkriminellen Bereich vorweisen. Auf der anderen Seite sind es konvertierte, deutsche Jugendliche, die oft sozial isoliert sind, wenig Freunde haben und sich ausgegrenzt fühlen. Die beginnen einen Hass auf die Personen zu entwickeln, die sie ausgeschlossen haben. Der IS bietet ihnen für diesen Hass eine religiöse Berechtigung: Du hasst nicht mehr die Menschen, die dich ausgegrenzt haben, sondern die Ungläubigen und musst dagegen auch noch etwas tun.

Welchen Trend sehen sie für muslimische Gemeinden im EN-Kreis?

Schlamelcher: Bei islamischen Gemeinden sehen wir generell eine höhere aktive Beteiligung. Etwa 40 bis 50 Prozent der Muslime nehmen wirklich aktiv am religiösen Leben teil. Von den allermeisten geht keine aktive Bedrohung aus. Allerdings zeigen sich schon zuweilen parallelgesellschaftliche Züge. Muslime werden teilweise von der Mehrheitsgesellschaft ausgegrenzt, manche grenzen sich aber auch selbst aus. Zum Beispiel wenn es um Frauen geht, die kein Kopftuch tragen. Das ist ein wechselseitiger Prozess.

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