„Papa hat mich eine Woche nicht gehauen“

Ulrike Karoff, Petra Backhoff, Sabine Spruth und Heike Ueßeler-Lingenberg
Ulrike Karoff, Petra Backhoff, Sabine Spruth und Heike Ueßeler-Lingenberg
Foto: WR

Ennepetal.  Der Knirps läuft freudestrahlend auf Heike Ueßeler-Lingenberg zu. „Papa hat mich eine Woche nicht gehauen“, bricht es aus ihm heraus. In seinem kurzen Leben hat der Junge noch nicht viele Wochen ohne Gewalt erlebt.

Seine neue Fröhlichkeit verdankt er der Sozialpädagogin, die an seiner Grundschule wirkt und mit seinem Vater einen Pakt schloss. Der versprach: „Bis Weihnachten schlage ich meinen Sohn nicht mehr.“ Bisher hält der Schwur, und auch der Knirps ist nun friedlicher. Er hatte, erläutert Heike Ueßeler-Lingenberg, in der Schule nachgeahmt, was er zu Hause erlebte.

Für Petra Backhoff vom Kinderschutzbund Ennepetal sind solche Erfahrungen ermutigend. Seit einem Jahr hat der Kinderschutzbund an drei Grundschulen für jeweils drei Wochenstunden Schulsozialarbeit ermöglicht. Wegen des Erfolgs zeigten weitere Grundschulen Interesse. Doch der Schritt zur Schaffung einer festen Stelle ist ein Wagnis. Das Angebot muss verlässlich, die Finanzierung nachhaltig gesichert sein.

Der Kinderschutzbund hat dazu zahlreiche Aktionen gestartet sowie einen Bürgerantrag gestellt, in dem er um die finanzielle Absicherung dieser Arbeit bittet. Der Jugendhilfe-Ausschuss entscheidet am Dienstag. Zweierlei Vorbehalte sind zu überwinden. Die Lehrer selbst müssten solche Aufgaben übernehmen, lautet der eine. In Grundschulen sei Sozialarbeit nicht nötig, lautet der andere.

Fachleute wissen es besser. Je früher die Nöte der Kinder erkannt werden, desto früher lässt sich ihr Leben in neue Bahnen lenken. Aufgaben wie Streitschlichtung, Sozialkompetenztrainings, Kindersprechstunde, Elternberatung und kollegiale Beratung setzen an verschiedenen Stellen an und wirken für das gleiche Ziel.

Vertrauen und Entlastung

„Wir haben an unserer Schule eine größere Anzahl emotional verwahrloster Kinder, die ihre Not über ein kaum kontrollierbares aggressives Verhalten äußern“, sagt Kornelia Lehnen-Schaller, die Leiterin der Grundschule Büttenberg. Sie betont, wie wichtig es ist, dass Heike Lingenberg nicht Lehrerin ist. „So haben die Kinder Vertrauen, auch Beziehungsprobleme zu Lehrern zu benennen.“ Noch wichtiger sei die Entlastung bei massiven Verhaltensauffälligkeiten, bei Gewalt, Wut, und andauernden Diebstählen.

Frühe Schulsozialarbeit sei wichtig, „bestenfalls in den ersten Schuljahren - von Beginn an“, sagt Petra Backhoff. Private Spender und Spenderinnen sind davon überzeugt und unterstützen das Projekt nach Kräften. Ulrike Karoff zum Beispiel hat zu ihrem Geburtstag Spenden zusammengetragen, die „als wesentlicher Grundstein“ dienen, und sie hat Nachahmer motiviert, die es ihr gleichtun wollen.

Für Heike Ueßeler-Lingenberg erwächst daraus eine gute Perspektive, und natürlich für die Kinder an den Ennepetaler Grundschulen. Bedarf herrsche überall, auffällige Brennpunkte gebe es nicht, sagt die Sozialpädagogin. Sie weist auch hartnäckige Vorurteile zurück, dass der Anteil von Hartz-IV-Kindern oder die Herkunft der Kinder die Probleme verursachten. Nein, das ziehe sich durch alle Schichten.

 
 

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