Misshandlungs-Prozess gegen Pflegeltern eingestellt

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Das Verfahren gegen die Schwelmer Pflegeeltern, die einen Jungen dramatisch unterernährt haben sollen, wurde am Donnerstag eingestellt.

Schwelm.. Was zunächst eindeutig schien, hatte sich nach Auffassung des Gerichts am Ende zumindest so stark relativiert, dass die 1. Große Jugendkammer des Hagener Landgerichts die Einstellung vorschlug, worauf die Schwelmer zustimmten. Bei der Gegenseite sorgte die Entscheidung für ungläubiges Kopfschütteln.

„Das ist ein schwer fassbares Ergebnis“, leitete Nebenklagevertreterin Christina Priestersbach ihre Erklärung zu der Entscheidung der Kammer ein. „Es war für den Jungen ein fünfjähriger Leidensweg. Wir haben unzählige Zeugen dazu gehört. Seine Abmagerung war nicht medizinisch erklärbar. Das haben Ärzte eindeutig bestätigt. Daher ist es geradezu paradox, dass es nicht zur Verurteilung kommt“, fuhr sie anschließend fort.

Odyssee von Arzt zu Arzt

Die beiden Schwelmer, ein gut situiertes Ehepaar, die mittlerweile in Jever leben hatten sich 2005 entschlossen, Pflegekinder aufzunehmen. Ihre berufliche Qualifikation als Kinderkrankenschwester prädestinierte die 38-Jährige geradezu für diese Aufgabe, die damals in Gestalt eines kleinen Jungen zu ihr kam, der in seiner Herkunftsfamilie ein Schütteltrauma erlitten hatte. Er blieb klein und zart, wuchs nicht weiter und nahm kaum zu. In einer Odyssee von Arzt zu Arzt wurde nach Ursachen gesucht. Bis 2011 Ärzte der Düsseldorfer Uniklinik den Verdacht äußerten, sie hätten das Kind absichtlich hungern lassen. Und so sieht es auch weiter die Nebenklage. „Wir können uns diesen Sinneswandel des Gerichts nicht erklären.“

Mehr als 50 Zeugen gehört

Der Vorsitzende Richter Marcus Teich gab daraufhin eine Erklärung der Kammer ab und fand Verständnis für die Einstellung der Nebenklage. Aber er erklärte auch: „Es war aus Sicht der Kammer ein ausgesprochen komplexes Verfahren, das die Juristen hier an den Rand ihrer Fähigkeiten gebracht hat. Zunächst schien alles klar: Das Wort der Ärzte hatte ein hohes Gewicht.“ Teich rekapitulierte den Prozess, der sich quälend über ein halbes Jahr hingezogen und stark polarisiert hat. Das wurde laut Teich gut an den 50 Zeugen und diversen Sachverständigen sichtbar, die sich deutlich in zwei Lager aufgeteilt hatten: „Wir hatten den Eindruck, dass das objektive Geschehen überlagert wurde von persönlichen Animositäten. Bewusst oder unbewusst wurde ein verzerrtes Bild wiedergegeben.“

Kammer sieht keinen Vorsatz

Daher war für die Kammer klar, dass das Verfahren auf die medizinische Ebene gehoben werden musste. Ein Gesamtgutachter wurde bestellt. „Dabei kam heraus, dass der Junge zu wenige Kalorien bekam. Es kann sein, dass er früh in einen Hungerstoffwechsel kam. Aber wir wissen nicht, wie viel er zu wenig und zu welcher Zeit bekommen hat. So war vieles nicht so eindeutig, wie es schien.“ Die Angeklagten hatten in diesem Zusammenhang immer wieder die schwierige Essenssituation mit unkontrollierbaren „Fressanfällen“ des Kindes und heftigem Erbrechen beschrieben. Sie begannen, das Essen für den Jungen zu portionieren, betonten ihre Verzweiflung im Umgang mit der Problematik. „Wir wissen, dass die Portionierung nicht gut mit den Ärzten kommuniziert wurde. Wir haben Hinweise auf ein rigides Familiensystem, aber wir können den Angeklagten keine feindliche Haltung dem Kind gegenüber nachweisen.“ So sah die Kammer keinen Vorsatz: „Auch im Fall einer Verurteilung wegen Fahrlässigkeit käme eine Geldstrafe heraus.“

Kein Verständnis für Urteil

Der Mann und seine Frau müssen jeweils 5000 Euro bis Monatsende an die Staatskasse überweisen. Danach wird das Verfahren endgültig eingestellt. Der Gegenseite fehlt dafür jegliches Verständnis. Die Nebenklagevertreterin erklärte im Namen der Familie und des heute Elfjährigen: „Dieses Ergebnis wird seinem Leidensweg nicht gerecht.“

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