Migration als eine Bereicherung

Dr. Lale Akgün hielt einen Vortrag anlässlich der Eröffnung des neuen Semesters der Volkshochschule im Bürgerzentrum der VHS
Dr. Lale Akgün hielt einen Vortrag anlässlich der Eröffnung des neuen Semesters der Volkshochschule im Bürgerzentrum der VHS
Foto: Jacqueline Stork

Gevelsberg. „Weiterbildung ist eine Quelle, aus der wir alle trinken sollten. Die Volkshochschulen sind die Abfüllstationen dieses wunderbaren Quellwassers“, ein Zitat von Dr. Lale Akgün im neuen VHS-Programmheft, das mehr Lust auf Bildung machen soll. Bildung ist für die Türkin auch der Schlüssel zur Integration. Das machte sie anlässlich der Semestereröffnung in ihrem Vortrag deutlich.

Dr. Lale Akgün ist das Vorzeigebeispiel einer emanzipierten und integrierten Türkin. Jene besagte „Abfüllstation“ liegt Dr. Lale Akgün sehr am Herzen. Die ganze Nacht flog sie durch, um ihren Vortrag halten zu können. „Gestern war ich noch in Ghana, heute schon in Gevelsberg, diese Disziplin ist wohl eine sehr preußische Eigenschaft von mir“, scherzt sie. Dr. Lale Akgün wirkt urdeutsch, spricht völlig akzentfrei, studierte Medizin, Völkerkunde und Psychologie. Sie hat sich den kritischen Blick auf die Gesellschaft bewahrt, sowohl auf die Deutsche, als auch auf türkische Einwanderergesellschaft.

In der VHS las sie einige Szenen aus ihrem 2008 erschienenen autobiografischen Roman „Tante Semra im Leberkäseland“. Humorvoll erhebt sie darin einen Anspruch auf mehr Normalität für Migranten und zeigt zugleich auch das fehlende Verständnis für andere Kulturen.

Charmant-witzig erzählt sie von den ersten Erfahrungen mit der deutschen Romantik: „Ein deutscher Mann bringt zu einer Verabredung eine einzige Blume mit, meine Mutter hielt dies stets für geizig. Mit Romantik konnte sie nie etwas anfangen.“ Sie thematisiert Alltägliches, erzählt von Schulausflügen oder gemütlichen Abendessen bei Freunden. Selbstironisch beschreibt sie den Versuch, deutscher zu sein als ein Deutscher. Vor allem das deutsche Publikum in der VHS sympathisiert mit Dr. Lale Akgün. Sie hält ein geradezu flammendes Plädoyer für eine bessere Integration von Migranten und prangert zugleich den fehlenden Integrationswillen vieler Einwanderer an. „Wer sich integrieren will, muss deutsch lernen“, fordert sie. Tosender Beifall im Publikum.

Aber Dr. Lale Akgün geht noch weiter. Sie ist selbst bekennende Muslima, besteht aber eindringlich darauf, den Unterschied zwischen Islam und Islamismus zu wahren. „Jede Religion muss sich dem Grundgesetz unterwerfen, denn das legt fest, wie weit die Freiheit jedes Einzelnen geht.“ Das Publikum ist überrascht und begeistert zugleich.

In der anschließenden Diskussion entsteht ein Dialog, in dem deutsche Zuhörer offen ihre Probleme mit türkischen Migranten ansprechen. Dr. Lale Akgün will die Probleme auch nicht wegreden. „Es gäbe viele Probleme nicht, wenn alle Migranten die Gleichstellung von Mann und Frau akzeptieren würden“, gibt sie zu. Gleichzeitig sieht sie in der pluralen Gesellschaft auch eine Chance. Wenn Kulturen zusammenwachsen, könnten davon alle profitieren. Migration könne durchaus eine Bereicherung sein.

„Wenn wir uns einander Geschichten erzählen, kommen wir uns näher“, schließt Dr. Akgün und ihre Botschaft ist denkbar deutlich geworden. Einerseits wünscht sie sich mehr Offenheit und Verständnis auf Seiten der deutschen Bevölkerung, andererseits fordert sie größere Integrationsbemühungen von Migranten. Es bleibt abzuwarten, wie viele Geschichten erzählt werden müssen, bis Dr. Akgüns Wunsch in Erfüllung geht.

 
 

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