Lesen, Schreiben und noch Deutsch lernen

Michaela Kuhlmann (rechts) mit ihren Schülern. In der Mitte ihre Tochter Helene, die ihr assistiert
Michaela Kuhlmann (rechts) mit ihren Schülern. In der Mitte ihre Tochter Helene, die ihr assistiert
Foto: Klaus Bröking

Gevelsberg.  „Mach’ doch mal was“, hat sich Michaela Kuhlmann gesagt. Und dann ist sie zur Stadtverwaltung nach Gevelsberg gegangen und hat erklärt, sie würde sich gern ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Und nun leitet Kuhlmann seit sechs Wochen einen Kurs mit 20 Asylbewerbern, die weder lesen noch schreiben können und natürlich zumindest am Anfang auch kein Wort der deutschen Sprache beherrschten.

Es ist ein fröhlicher und freundlicher Kreis, der sich an vier Tagen in der Woche in der VHS-Zentrale an der Mittelstraße trifft. Alle verstehen sich untereinander, obwohl die meisten den anderen eben sprachlich nicht verstehen. Michaela Kuhlmann hat aufgegeben zu erforschen, aus welchen Ländern ihre Schüler kommen: „Ich habe in der ersten Stunde eine Weltkarte mitgebracht, aber viele konnten mir noch nicht einmal zeigen, wo sie geboren wurden.“

Noch nie Heft oder Stift in der Hand

Und dann hat die Pädagogin, die hauptberuflich in Herdecke als Lehrerin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet, gemerkt, dass es auch Schüler gibt, die anscheinend noch nie einen Heft oder Stift in die Hand genommen haben: „Das sieht man daran, wie sie damit umgehen.“ Für Michaela Kuhlmann sind das alles keine Gründe, die Flinte ins Korn zu werfen.

Die für den Außenstehenden unlösbar erscheinende Aufgabe macht ihr Spaß. „Gut, daheim bleibt etwas liegen, aber das ist nun einmal so.“ Ihre Schüler sind eifrig bei der Sache. Die Handys und Smartphones erweisen sich beim Deutschunterricht als nützliches Hilfsmittel: „Sie fotografieren die Seiten der Bücher damit, um auch Zuhause lernen zu können.“ Einige hätten sogar Computer-Programme gesucht und gefunden, bei denen Bilder gezeigt und die Bezeichnungen der Gegenstände darauf vorgelesen werden. Wenn die Lehrerin eine Pause machen möchte, „dann winken die schon ab, das wollen sie gar nicht.“ Vielleicht mit einer Ausnahme: Den Rauchern.

„Wer häufig in Kontakt mit Gevelsbergern ist und dadurch mit der deutschen Sprache konfrontiert wird, der lernt sie auch“, sagt Michaela Kuhlmann. Sie habe allerdings den Eindruck, dass die Flüchtlinge isoliert unter sich leben: „Ich habe einen Schüler, der bereits sieben Monate in der Stadt ist und nicht ein einziges Wort beherrscht hat.“ Zu ihr kommt aber auch ein junger Mann, der Hotelmanagement studierte und fließend Englisch und Arabisch spricht.

Das kann eine große Hilfe im Unterricht sein, wenn Hände und Füße nicht mehr helfen. Als Unterstützung ist manchmal Michaela Kuhlmanns Tochter Helene dabei, die für das Lehramt studiert. Enkel Luis, der Liebling der Schülerinnen und Schüler, krabbelt derweil unter dem Tisch – ein Familienbetrieb.

Kurs geht in die Verlängerung

Die sechs Wochen, die der Kurs eigentlich dauern sollte, sind heute abgelaufen. Michaela Kuhlmann will aber weitermachen: „Wir sind noch nicht da, wo wir eigentlich hin wollen. Deshalb hat es keinen Sinn, mit neuen Flüchtlingen von vorne anzufangen.“ Nur umziehen möchte Michaela Kuhlmann mit ihrer großen Klasse. Bei der Freien evangelischen Gemeinde, einen Steinwurf von der VHS entfernt, hat sie einen neuen Platz gefunden. Dort muss der Unterricht nicht jeden Tag in neuen Räumlichkeiten stattfinden: „Wir können auch das Material einfach liegen lassen.“ Und auch, wenn damit wieder drei Abende in der Woche ausgefüllt sind, freut sich die bewundernswerte Pädagogin über die Zugabe. „Die Menschen sind alle richtig dankbar dafür.“ Das ist eine Feststellung die viele Helfer machen, die auf die Flüchtlinge zugehen.

 
 

EURE FAVORITEN