Klavierunterricht im Elendsviertel

Klavierunterricht: Die Ennepetalerin Eva Weskamp verbringt ein halbes Jahr für „Musiker ohne Grenzen" in Ecuador
Klavierunterricht: Die Ennepetalerin Eva Weskamp verbringt ein halbes Jahr für „Musiker ohne Grenzen" in Ecuador
Foto: WR

Ennepetal..  Ach, es könnte so schön bequem sein. Wenn heute Abend in Ennepetal die Sektkorken knallen und alle sich in den Armen liegen, dann könnte es sich auch Eva Weskamp so richtig gut gehen lassen – vielleicht bei Freunden oder zu Hause in der Gustav-Bohm-Straße in Voerde-Nord.

Stattdessen verbringt die 27-Jährige den Jahreswechsel im „Elendsviertel aus Wellblech, Holzhütten und stinkendem Wasser“ – und das auch noch freiwillig. So wird jedenfalls der Stadtteil Guasmo der ecuadorianischen Metropole Guayaquil gelegentlich in Reiseführern beschrieben. „Sie hat es ja nicht anders gewollt“, lächelt Mutter Gudrun und ist sichtlich stolz auf ihre Tochter. „Was Eva will, das will sie“.

In diesem Falle wollte sie als als Freiwillige des Hamburger Vereins „Musiker ohne Grenzen“ arbeiten. In Ecuador hilft die Voerderin mit, eine Musikschule in Guasmo Sur, einem sozialen Brennpunkt Guayaquils aufzubauen. Musiker ohne Grenzen, fördert die Musikschule durch kontinuierliche Geld- und Instrumentenspenden und organisiert einen Freiwilligendienst für MusikerInnen, die in Guayaquil ehrenamtlich Unterricht geben.

„Ärzte ohne Grenzen“, das ist ja ein Begriff, aber „Musiker ohne Grenzen“ ... was verbirgt sich genau dahinter? Mutter Gudrun weiß es:

„Musiker ohne Grenzen ist ein gemeinnütziger Jugendverband, dessen Anliegen es ist, dass Kinder und Jugendliche in aller Welt die Möglichkeit erhalten, ein Musikinstrument zu erlernen und musikalisch aktiv zu sein. Also nicht nur hier „Jedem Kind sein Instrument“.

Eva Weskamp besitzt welche und beherrscht sie ausgezeichnet, vor allem das Klavierspielen. Bis Juli hat die ehemalige Reichenbach-Schülerin an der Folkwang Hochschule Essen Klavier und Schulmusik studiert und ist damit geradezu prädestiniert für solch ein Hilfsprojekt. Seit August arbeitet sie für Musiker ohne Grenzen.

Musik kann zwar keinen Hunger stillen, aber sie kann Kindern und Jugendlichen Freude machen und ein Ziel geben. Vor allem holt Musik sie von der Straße, und dort, wo Eva Weskamp jetzt ist, gibt es enorm viel Straßenkriminalität. Die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen bekommen eine Möglichkeit, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen, hängen nicht auf der Straße herum und laufen so weniger Gefahr in Kriminalität oder Sucht abzurutschen.

Diese Gedanken halten die 27-Jährige aufrecht, denn das Leben in Guasmo ist alles andere als einfach. Eva Weskamp möchte keine Extrawurst. Sie wohnt dort, wo ihre Schüler leben, im Armenviertel in einer Wellblechhütte.

„Man lebt hier auf engstem Raum in Hütten ohne richtige Raumabtrennungen, teils bis zu 15 Personen auf 60 Quadratmetern, einige Familien haben nur ein Plumpsklo und einen Wasserschlauch im Hof zum Duschen, und man muss durchaus damit rechnen, dass die mit im Haus lebenden Hühner einem Eier ins Bett legen“, berichtet Eva Weskamp uns aus ihrem Alltag. „Völlig normal ist es hier auch, sein Bett mit seinen Gastgeschwistern zu teilen.“

Nur die wenigsten Menschen haben dauerhaft Arbeit, viele leben von der Hand in den Mund. Eine Krankenversicherung ist Luxus. „Einem unserer Musikschüler musste vor wenigen Tagen ein Tumor im Gesicht entfernt werden, und wären wir Deutschen nicht hier und hätten für die OP was dazugegeben, hätte er sich eben diese nicht leisten können.“

Die Ennepetalerin geht nicht ohne Begleitung aus. Immer wieder kommt es zu bewaffneten Raubüberfällen, auch auf Taxis, wie eine deutsche Kollegin schmerzlich erfahren musste. Rivalisierende Banden liefern sich Schießereien in den Straßen.

Aber es gibt auch schöne Erfahrungen: Nie vergessen wird die 27-Jährige ein Konzert in den Anden mit einer der Bands der Musikschule. Das war im fünf Busstunden entfernten Cuenca (auf 2400 Metern Höhe) und auch für die Schüler eine einzigartige Erfahrung, da sie zum ersten Mal in die Berge gereist sind.

Ziel der Arbeit ist, dass die Musikschule unabhängig von Hilfe wird. Die Instrumente, die schon seit Beginn der Musikschule angeboten wurden, werden mittlerweile von älteren, fortgeschrittenen Musikschülern unterrichtet. Seit zwei Jahren werde auch Klavier angeboten, seit einem Jahr Geige, und seit diesem Jahr gebe es nun ein Cello. „Ich selbst unterrichte Klavier und Cello und habe zusammen mit einigen anderen Freiwilligen einen Chor ins Leben gerufen“, berichtet Eva Weskamp.

Trotz der schwierigen Lebensbedingungen fühlt sich Eva Weskamp sehr wohl. „Das liegt vor allem auch daran, dass ich das Gefühl habe, dass meine Arbeit hier absolut sinnvoll und notwendig ist, und dazu beitragen kann, die Situation der Menschen zu verbessern.“

Die Musikschule ist das einzige Freizeitangebot im Viertel. Das gemeinsame Musizieren fördere intensive Freundschaften. Die Schüler sprechen von der Musikschule oft als „großer Familie“. Für viele ist sie auch Zufluchtsort – häusliche Gewalt ist bei vielen daheim an der Tagesordnung.

Nach inzwischen sieben Jahren sei schon ein beachtliches musikalisches Niveau erreicht, es gebe mehr, teils bezahlte Auftritte. „Das ist enorm wichtig für unsere Schüler, da sie so eine (gesellschaftliche) Anerkennung erfahren, die ihnen als Teil der Unterschicht oft versagt ist.“

Im Januar kehrt Eva Weskamp nach Deutschland zurück; im Februar beginnt sie ihr Lehramts-Referendariat. Gudrun und Hans Weskamp freuen sich schon sehr auf die Rückkehr ihrer Tochter. Das soziale Engagement kommt nicht von Ungefähr. Gudrun Weskamp ist aktiv in der Initiative Ökumene 2017. Sie ist zweite Vorsitzende, außerdem arbeitet sie im Eine-Welt-Laden in Milspe mit. Die Weskamps haben zwei Töchter. Tochter Angela arbeitet zurzeit in Australien mit autistischen Kindern. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

 
 

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