Kabarett und Comedy im Wandel der Zeit

Schwelm..  Als Jürgen H. Scheugenpflug 1993 seinen Management-Job bei einer Krankenversicherung an den Nagel hing, um sich ganz dem politische Kabarett zu widmen, tat er als Familienvater einen Schritt in ungewisse Zukunft. 20 Jahre später ist der Wuppertaler nicht nur deutschlandweit bekannt, sondern prägt auch seit zehn Jahren Kabarett und Comedy in Schwelm.

Was einst als Versuchsballon startete, mündete im Schwelmer Kleinkunstpreis, der zu seinen Hochzeiten deutschlandweit enormes Renommee genoss. Die Veranstaltung hat ihren Charakter mittlerweile geändert. Am Sonntag startet „Pils und Plausch“ im Schloss Martfeld in die nächste Runde.

Im Vorfeld spricht Jürgen H. Scheugenpflug über die Höhen und Tiefen der Veranstaltung, das Leben als professioneller Kabarettist und zeigt sich traurig, dass kaum ein nennenswerter Künstler aus der heimischen Region kommt.


Frage: Blicken Sie etwas wehmütig auf die Hochzeit des Schwelmer Kleinkunstpreises „Bier und Kultur“ zurück?

Nein. Wieso sollte ich?


Mario Barth, Fritz Eckenga, Knacki Deuser – alles was Rang und Namen in der Szene hatte, drängte nach Schwelm. Diese Zeiten sind vorbei.
Das ist richtig. Aber ich bin nicht traurig darum, dass das nicht mehr der Fall ist. Das war eine andere Zeit und wäre heute so nicht mehr darstellbar. Der Schwelmer Kleinkunstpreis hatte zwischenzeitlich einen derart guten Namen, dass sich mehr als 100 Bewerbungen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum auf meinem Schreibtisch sammelten. Dass dies heute nicht mehr ist, hängt mit vielen Dingen zusammen – allem voran mit dem Geld.


Inwiefern?
Als die Schwelmer Brauerei geschlossen wurde, fiel mein größter Sponsor weg. Ich bin selbst lange genug im Geschäft, um zu wissen, was andere Veranstalter zahlen. Da konnten wir nicht mehr mitgehen. Dazu kommt das Phänomen, dass viel Künstler schnell groß und damit teuer geworden sind. Unsere Zuschauerzahl war durch das Konzept, gleichzeitig am Tisch zu speisen stets begrenzt. Da konnten wir die Gagen nicht mehr bezahlen. Außerdem scheuten Künstler immer mehr die Konkurrenz und Bewertungssituationen, je bekannter sie wurden.


Warum das?
Ab einem gewissen Bekanntheitsgrad wollten die Manager nicht mehr riskieren, dass ihre Schützlinge gegen unbekanntere Namen verlieren. Nehmen Sie Hennes Bender, den kennt ganz Deutschland aus dem TV. Bei uns hat er nicht gewonnen. Unser Publikum bestand vorwiegend aus Stammgästen, die haben ziemlich schnell sehr hohe Qualitätsansprüche gestellt. Heute ist das bei Pils und Plausch lockerer. Und wir bekommen auch schon mal größere Namen, wie jetzt den Obel. Oft auch, weil ich selbst bei ihren Veranstaltungen auftrete.


Was genau läuft nun entspannter?
Noch immer stehen zwei Künstler auf der Bühne. Sie treten aber nicht mehr gegeneinander an. Außerdem haben wir kein so starres Konzept mehr. Auch ich improvisiere oft mit den Künstlern zusammen. Ich weiß vorher nie genau, wie sich der Abend entwickelt.


Stichwort Entwicklung. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie in Schwelm aufgeschlagen sind?
Ich suchte damals eine Brauerei als Sponsor für eine Veranstaltungsreihe in Wuppertal und sprach den damaligen Geschäftsführer der Schwelmer Brauerei, Wolfgang Franz, an. Obwohl sein Angebot schlechter war als das der Konkurrenz, habe ich zugegriffen. Aus Lokalpatriotismus und weil ich das Schwelmer selbst gern getrunken habe. Nach der Wuppertaler Veranstaltung haben wir gemeinsam den Kleinkunstpreis im Gärkeller gestartet, der schnell zu klein wurde. Wir wechselten ins Leckermäulken, wo wir unsere besten Jahre hatten. Es folgten das Hotel Friedrichsbad, das Ibach-Haus und Jetzt sind wir mit Pils und Plausch im Schlossrestaurant.


In Schwelm moderieren sie fast ausschließlich. Wie verdienen sie sonst ihr Geld?
Ich mache etwa 80 bis 100 Auftritte im Jahr und gebe Kabarett- und Comedy Workshops. Ich wollte in Ronsdorf auch ein Theater aufmachen, das hat sich jedoch zerschlagen. Nun werde ich dort eine Mix-Show ähnlich wie Pils und Plausch aufmachen.
Wie sind Sie professioneller Kabarettist geworden?
Durch Zufall. Ich war im Management einer Krankenversicherung, habe aber nebenbei immer schon Lieder geschrieben. 1989 musste ich bei einem Auftritt, wo ich nur musizieren sollte, einspringen und auch Text sprechen. Da war ich infiziert. 1993 habe ich meinen Job aufgegeben und meine damalige Frau geschockt. Bald schon nahm die Sache Fahrt auf. Ich war oft im Fernsehen und ständig auf der Bühne. Rückblickend bin ich stolz darauf, vom Kabarett stets eine vierköpfige Familie gut ernährt haben zu können.


Wie bewerten Sie den Nachwuchs auf dem Kabarett- und Comedy-Sektor, vor allem vor Ort?

Es gibt sehr, sehr starke junge Leute. In die großen Medien findet leider aber auch sehr viel niveauarmes Zeug Einzug. Die Comedy hat sicherlich stärkeren Nachwuchs als das politische Kabarett. Pointen werden oft nicht mehr mit mehreren Sätzen vorbereitet, sondern in Salven abgeschossen. Aus unserer Region kommt leider so gut wie kein Kabarettist. Mit der Ennepetalerin Sia Korthaus bin ich bis zu den Grenzen des Ruhrgebiets und des Rheinlands schon ziemlich allein auf weiter Flur. Das beobachte ich auch in meiner Akademie, wo bis auf eine Schwelmer Dame, die regelmäßig mitmacht, die Teilnehmer meist von deutlich weiter weg anreisen.

 
 

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