„Islam fordert Offenheit und Toleranz“

Linda Zuber
Foto : Michael Scheuermann
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Foto: Michael Scheuermann

Schwelm.  Sie sind jung, streng religiös, nicht integrationswillig, mit tendenzieller Gewaltakzeptanz. Das sagt die neue Integrationsstudie des Bundesinnenministeriums über 24 Prozent der 14- bis 32-jährigen Muslime in Deutschland.

Auch Jonos Saou ist überzeugter Muslim, seine Eltern stammen aus Marokko. Mit dem 24-jährigen Spieler des Basketball-Oberligisten RE Baskets sprach unsere Zeitung über die Studie. Saou verdeutlicht, mit welchen Problemen junge Muslime auch in Schwelm zu kämpfen haben.

Erlebst Du die in der Studie beschriebene Haltung auch unter muslimischen Jugendlicher in Schwelm?

Ja. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass es tatsächlich 24 Prozent sind, die so denken. Ich kenne einige Muslime in meinem Alter, die sich bewusst abgrenzen von Deutschen, die den Westen ablehnen, sich einfach nicht integrieren wollen.

Du hast selber einen muslimischen Hintergrund. Wie ist das bei dir?

Ich bin ein gläubiger Muslim und besuche regelmäßig die Moschee. Gleichzeitig fühle ich mich deutsch und ich bin sogar stolz auf Deutschland. Meine Religion hindert mich nicht daran. Einige Muslime, denen ich begegne, glauben jedoch, dass sie es nicht mit ihrer Religion vereinbaren können, deutsch zu sein. Und dann kapseln sie sich von der Gesellschaft ab.

Woran merkst du das?

Ein Bekannter hat seine Ausbildung als Chemielaborant abgeschlossen. Er hätte eine feste Anstellung bekommen können. Dazu hätte er seinen Bart abrasieren müssen, schlicht aus hygienischen Gründen, das ist einfach Vorschrift. Er hat sich dann tatsächlich für seinen Bart entschieden, gegen die Arbeitsstelle. Der Bart ist eine von vielen Vorschriften im Islam. Jetzt behauptet er, der Arbeitgeber habe etwas gegen seine Religion, die Deutschen seien Rassisten, die nicht akzeptieren wollten, dass er ein Muslim ist. Das ist nur ein Beispiel.

In der Studie heißt es auch, dass es eine tendenzielle Gewaltakzeptanz gibt. Erlebst du auch so etwas?

Erst vor kurzem habe ich mit einem Jugendlichen in der Moschee über den Nahostkonflikt gesprochen. Er hat später in ernsten Ton zu mir gesagt: „Ich hätte nichts dagegen, die nächste Synagoge in die Luft zu sprengen.“ So etwas höre ich hin und wieder mal. Auch wenn es nur die Wenigsten sind, die so etwas sagen: es schockiert mich.

Was glaubst du sind die Gründe für dieses Verhalten? Die Studie begründet das unter anderem mit traditioneller Religiosität und autoritären Einstellungen in den Familien.

Ja, das Elternhaus spielt eine große Rolle. Viele, die ich kenne haben Angst verstoßen zu werden, wenn sie nicht streng nach dem Islam leben. Wenn sie sich kleine Fehler erlauben, bekommen sie die Konsequenzen zu spüren. Und das macht es für sie unmöglich, sich zu integrieren. Ein muslimischer Schulkollege von mir hat vor ein paar Jahren heimlich an einer Klassenfahrt teilgenommen – gegen den Willen seiner Eltern. Die hatten Angst, dass er in dieser Zeit sündigen könnte. Nach der Fahrt hat mein Kollege erst einmal zwei Tage in der Schule gefehlt. Er kam total eingeschüchtert wieder zurück.

Auch Diskriminierung wird in der Studie als ein Grund genannt, warum sich junge Muslime abschotten? Wurdest du schon einmal aufgrund deiner Herkunft diskriminiert?

Ja, es kommt selten mal vor. Weil ich zum Beispiel aus religiösen Gründen auf einer Party keinen Alkohol trinken wollte, nannten sie mich Islamist. Oft ist es nicht ganz ernst gemeint, aber es verletzt. Doch solche Sticheleien sind kein Grund sich abzugrenzen oder zurückzuziehen. Viele Muslime wissen es nicht, aber der Islam fordert Offenheit und Toleranz. Wenn wir in dieser Gesellschaft leben, dann müssen wir uns anpassen, schließlich ist es ein christliches Land in dem wir leben.