Internethandel mit fremder Identität

Über eine russisch-deutsche Betrugsseite hatte sich der Angeklagte im Internet
Über eine russisch-deutsche Betrugsseite hatte sich der Angeklagte im Internet
Foto: NRZ

Schwelm/Hagen..  Er sieht aus, als könnte er kein Wässerchen trüben, aber laut Anklage hat es der Student faustdick hinter den Ohren. Er soll mit Hilfe dubioser Internetforen eine Betrugsmasche entdeckt haben, mit der man problemlos Konten auf falschem Namen einrichten und darüber seine Betrugstaten abwickeln kann.

Dubiose Internetforen

Eigentlich träumte der Physikstudent von einem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik. Aber diesen Traum hat er sich selbst gründlich ruiniert, wie der 26-Jährige gestern selbst vor dem Hagener Landgericht bekannte. Die Europäische Raumfahrtbehörde ESA nimmt nämlich keine Vorbestraften – auch nicht wenn sie so intelligent und sympathisch wirken wie der Schwelmer.

Neugier und der Traum vom schnellen Geld ließen den jungen Mann vor drei Jahren auf dubiose Internetforen stoßen, in denen erklärt wurde, wie man die Sicherheitslücken bei Banken und Logistikunternehmen ausnutzen kann. Zunächst legte sich der junge Mann gefälschte Ausweise zu, was laut dem vollumfänglich geständigen Angeklagten ein Kinderspiel war. Er selbst hatte französische, belgische und niederländische Pässe bestellt. Möglich machte das laut dem Angeklagten eine russisch-deutsche Betrugsseite. „Das ist, als wenn man einen Laptop im Internet bestellt. Man muss nur ein Foto hochladen – fertig“, erklärte der junge Mann der Kammer und dem staunenden Publikum. Mit Rat und Tat standen Betrüger anderen Betrügern zur Seite. Allerdings nahmen die Internetbetrüger ihre „Kunden“ anschließend kräftig aus.

Als die Seite verschwand, hatte der Angeklagte bereits genug einschlägiges Wissen angehäuft, das er für seine „krummen Dinger“ nutzte. Mit den gefälschten Identitäten eröffnete er Konten über das sogenannte Postident-Verfahren, ohne jemals eine Bank betreten zu haben. Das Postident-Verfahren sei „der entscheidende Fehler im System, weil man so etwas Sensibles fälschen kann“, wie es der junge Mann ausdrückte. Und das ging so: Er lud sich im Internet Unterlagen zur Eröffnung eines Kontos von den jeweiligen Banken herunter. Mit diesen Unterlagen ging er in einen Kiosk mit Postschalter und legte einen seiner gefälschten Ausweise vor. „Normalerweise schreibt der Kioskbetreiber den Ausweis ab. Damit beglaubigt er, dass die Person der Kontoinhaber ist“, so der Schwelmer.

Warenlager im Kinderzimmer

Schon bald fand er laut Anklage ein reichhaltiges Betätigungsfeld und nutzte vor allem eines der falschen Konten, um seine 64 Bestellungen und Scheinverkäufe abzuwickeln. In 2012 und Anfang 2013 bestellte der leidenschaftliche Mountainbike-Fahrer unter falschem Namen hochwertige Federgabeln für Fahrräder im Wert von jeweils rund 1000 Euro. Das Zubehör verkaufte er weiter. Meistens bezahlten die Kunden, erhielten die Waren aber nicht.

Waren eines großen Versandhauses ließ er sich mittels eines bekannten Logistikunternehmens bequem in Paketshops liefern. Auch hier, so gab der Angeklagte zu, konnte er meistens mit gefälschtem Namen oder mit einer gefälschten Vollmacht die Artikel problemlos abholen. Darüber hinaus nutzte er Postkästen von leerstehenden Wohnungen, um sich Waren liefern zu lassen. Auch vor den „guten“ Namen von Rechtsanwälten und Ärzten soll er nicht Halt gemacht haben, wenn er unter anderen Namen Waren bestellte. Das sei ein Tipp aus dem Forum gewesen, weil diese Berufsgruppen immer mit einer guten Bonität in Zusammenhang gebracht werden.

An manchen Tagen sei das Zimmer des Angeklagten in der elterlichen Wohnung voller Fahrradgabeln und Waren gewesen. Von dem Gewinn, den er auf einen fünfstelligen Betrag schätzt, ließ er Freunde hochleben und verprasste das Geld einfach.

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