In Carl Gethmanns Garten

Meike Knop auf der Kanzel über der Ruhr in Hattingen-Blankenstein Foto: Klaus Bröking
Meike Knop auf der Kanzel über der Ruhr in Hattingen-Blankenstein Foto: Klaus Bröking
Foto: WR

Ennepe-Ruhr.. Die Ruhrtal-Bahn rollt in den Bahnhof Burg Blankenstein in Hattingen ein. „Für uns Endstation“, sagt Meike Knop von der Tourismus-Förderung des Ennepe-Ruhr-Kreises. Besuch beim Burgfräulein? Unsere Reiseleiterin schüttelt energisch den Kopf: „Alle gehen zur Burg, wir gehen in den Garten von Herrn Gethmann!“ Na, hoffentlich ist der auch gastfreundlich. „War er, aber er ist schon tot.“

Auf dem steilen Weg nach Blankenstein hinauf erzählt Meike Knop die Geschichte von Carl Friedrich Gethmann. In seiner Zeit – erlebte von 1777 und 1865 – gehörte der Blankensteiner zu den Industriemagnaten. Er war sozusagen das, was man heute einen Mischkonzern nennt. Seine Familie besaß bis 1788 eine Wolltuch-Fabrik. Dann investierte sie ihr Geld in den aufkommenden Bergbau. Den Gethmanns gehörte auch eine Werft an der Ruhr, in der ein Schiff pro Jahr gebaut wurde. Zur Flotte der Familie gehörten bis zu neun große Boote, mit denen Salz und Kohle transportiert wurde.

Wir haben es bis hinauf nach Blankenstein geschafft und erholen uns in einer Eisdiele von dem Aufstieg. Unsere Reiseleiterin bestellt sich ein Spargel-Eis: „Das gibt es nur hier.“ Und es ist auch keine geschmackliche Verfehlung. Pistazien-, Vanille-, und Joghurt-Eis werden nur in diese außergewöhnliche Form gebracht. So gestärkt können wir Herrn Gethmann besuchen. Die Betonung liegt auf „suchen“. Das Ziel von Meike Knop ist nicht einfach zu finden. Immer Richtung Ruhr. Gut, dass sich unsere Reiseleiterin hier auskennt. „Der Garten wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von Carl Friedrich Gethmann zu Erholung seiner Mitbürger in Blankenstein und ihrer Gäste eingerichtet. Er war damit sozusagen eine der ersten öffentlichen Parkanlagen in Deutschland.“

Als wir unser Ziel erreichen, bin ich dann doch etwas enttäuscht. Von der einstigen botanischen Pracht sind nur noch die Strukturen zu erahnen. Dieser Garten wird wohl lange keinen Gärtner gesehen haben, wartet auf den nächsten Industriemagnaten, der ihn wachküssen oder wenigstens ein paar Experten mit der Heckenschere vorbeischicken wird.

„Abwarten“, sagt Heike Knop. Wir gehen einen unscheinbaren Waldweg hinab und stehen plötzlich auf einer Kanzel hoch über der Ruhr. Belvedere wird sie genannt. Das kommt aus dem Italienischen, von „bel vedere“, übersetzt „schöne Aussicht“. Und das kann man hier wörtlich nehmen. Der Blick über das Ruhrtal ist überwältigend. Irgendwie wartet man darauf, dass die Damen aus den alten Zeiten in ihren langen Röcken und mit Sonnenschirmen um die Ecke kommen. Wie damals, am 19. Oktober 1833 als der spätere Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. – damals noch Kronprinz – auf der Kanzel über der Ruhr stand. Er wollte seinen Gastgeber Carl Friedrich Gethmann sogar in den Adelstand erheben. Der Blankensteiner soll darauf geantwortet haben, er würde lieber ein alter Bürger als ein neuer Adeliger sein.

 
 

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