Flüchtlinge helfen Evakuierten

Ein Bild, das Emotionen weckt: Mitten im hektischen Einsatzgeschehen legt ein junger Mann eine Decke um die alten Bewohner, die tatenlos in der Kälte zusehen müssen, wiedie Einsatzkräfte in ihrem Haus arbeiten.
Ein Bild, das Emotionen weckt: Mitten im hektischen Einsatzgeschehen legt ein junger Mann eine Decke um die alten Bewohner, die tatenlos in der Kälte zusehen müssen, wiedie Einsatzkräfte in ihrem Haus arbeiten.
Foto: WP

Schwelm..  Temperaturen um den Gefrierpunkt. Der Wind pfeift durch die steile, enge Straße. Blaulicht zuckt. Sanitäter und Notärzte laufen hektisch von links nach rechts. Ein Trupp Feuerwehrleute betritt unter schwerem Atemschutz das evakuierte Haus. Davor sitzen ein Ehepaar und eine Frau auf einer Bank. Alle Drei haben die 70 Jahre längt hinter sich gelassen. Sie frieren, wissen nicht, ob sie in der Nacht noch einmal zurück in ihre Wohnungen können. Da tritt ein junger Mann von hinten an sie heran, legt ihnen wärmende Wolldecken um die durchgefrorenen Körper. Die Decken hat er aus der Sammelunterkunft für Flüchtlinge geholt. Dort wohnt er.

Durch Explosionen aufgeschreckt

Tauchen sonst die Feuerwehr und Flüchtlinge in einem Satz auf, hat meist irgendwo nach einem Brandanschlag eine Asylbewerberunterkunft in Flammen gestanden. In Schwelm arbeiteten junge Flüchtlinge und Profi-Helfer Hand in Hand bei einem Einsatz im Nachbarhaus der Sammelunterkunft an der Bergstraße. Ohne zu zögern gaben die Syrer und Iraker den evakuierten Schwelmern ihre Jacken, holten Decken, Bänke und Tische.

Samstagnacht, gegen 1.30 Uhr. Explosionen reißen die Bewohner der Altstadt aus dem Schlaf. Viele schauen aus den Fenstern, können nicht ausmachen, woher der Lärm kommt. Einer von ihnen ist der Schwelmer Fotograf Cris Dahm, der zu diesem Zeitpunkt noch wach war: „Ich dachte zuerst, da knallen Türen. Doch in etwa zehnminütigen Abständen rummste es immer wieder.“ Etwa eine Stunde später schnappt er sich seine Jacke, will dem Krach auf den Grund gehen. In einem Nachbarhaus trifft er auf einen Mann, der dem Knallen ebenfalls auf der Spur ist. Plötzlich sehen sie Explosionen im Kellerfenster. „Wir haben sofort den Notruf gewählt“, sagt Cris Dahm und ist noch knapp zwei Tage später überwältigt davon, was sich dann in der kleinen Straße im Herzen Schwelms abspielte.

„Was nach dem Notruf passierte, ließ mich sprachlos werden. Wie auch immer das System der Polizei und Feuerwehr funktioniert – bitte macht weiter so“, sagt er. Keine zwei Minuten nach dem Notruf, der um 2.52 Uhr einging, und noch bevor die Bewohner alle aus dem Haus waren, sei die Polizei zur Stelle gewesen. „Auch Krankenwagen und Feuerwehr waren in einer Geschwindigkeit vor Ort, das war der Wahnsinn“, sagt Dahm, den ­allerdings eine ganz andere Sache noch viel mehr beeindruckte.

Die einzige Jacke abgegeben

Das Haus, in dem die Explosionen durch eine defekte Gasheizung hervorgerufen worden waren, bewohnen vorwiegend alte Menschen und eine Familie mit Baby. Sie alle standen nun unverletzt, aber zitternd in der Kälte der Nacht. Direkt nebenan hat die Stadt Schwelm in einem ehemaligen Gemeindehaus eine Sammelunterkunft für Flüchtlinge ­eingerichtet, hier leben seit dem vergangenen Herbst durchgängig ­etwa 30 Asylbewerber – vorwiegend aus Syrien und dem Irak. Auch sie waren aufgeschreckt worden durch das Knallen und den Trubel vor ihrer Haustür. Ohne zu zögern holten sie Bänke und ­Decken für evakuierten Bewohner heraus, einige der jungen Männer gaben ihre einzige Winterjacke ab, damit die Nachbarn nicht froren.

Lob für Feuerwehr und Polizei

Einige der Einsatzkräfte vor Ort dachten zunächst, auch die Flüchtlinge gehörten zu den Betroffenen der Evakuierung. „Nein, nein, nein! Uns geht es gut, helfen sie den anderen Menschen“, wehrten sie ab. Gesten, die auch die professionellen Helfer vor Ort beeindruckten, die sich in anderen Einsätzen immer wieder gegen Gaffer durchsetzen müssen. „Ich wurde nicht nur Zeuge von Menschen, die ihren Job lieben, sondern auch von Hilfsbereitschaft, die von Herzen kam. Da wurde nicht gegafft, die haben einfach mit angepackt. So kommt Hilfe auch zurück“, sagt Cris Dahm, der sich sofort seine Kamera schnappte und die bewegenden Szenen im Bild festhielt.

Am frühen Samstagmorgen richtete er auf Facebook ein dickes Lob an Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und eben seine Nachbarn aus der Flüchtlingsunterkunft. Die Nachricht verbreitet sich seitdem unentwegt, die positive Resonanz ist überwältigend. Gestern Nachmittag ist die Flüchtlingsunterkunft leer. Die jungen Männer sind unterwegs, Fußball spielen. Christian Strack, der einige von ihnen in der dritten Mannschaft des VfB Schwelm trainiert, ist mit dem zehnjährigen Mojet vor Ort. Er kennt die Syrer und Iraker schon lange, hat selbst über Facebook von den Geschehnissen in der Nacht zu Samstag erfahren. „Es ist rührend, wie sie sich kümmern und spiegelt genau die große Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit wieder, dass wir ihnen hier in Schwelm helfen, die auch ich stets von ihnen erfahre“, sagt er.

Feuerwehr und Rettungsdienst waren mit neun Fahrzeugen und 32 Einsatzkräften auch aus den Löschzügen Stadt und Winterberg vor Ort. Sie stellten zum Glück kein offenes Feuer fest, lüfteten und kontrollierten mit Messgeräten, ob Gefahr für die Bewohner bestand. Heizungsanlage und Gasanschluss des Hauses wurden abgeschaltet. Um 4 Uhr rückte die Wehr wieder ein und die Evakuierten konnten zurück in ihre Wohnungen.

 
 

EURE FAVORITEN