Fahrgäste schwebten nach Bahn-Defekt doppelt in Lebensgefahr

Eine S-Bahn musste in Gevelsberg evakuiert werden, weil die Strakstromleitung von der Lok abgerissen wurde. Die Bahn stand unter Strom. Etwa hundert Fahrgäste waren nach Angaben des Deutschen Bahn betroffen.
Eine S-Bahn musste in Gevelsberg evakuiert werden, weil die Strakstromleitung von der Lok abgerissen wurde. Die Bahn stand unter Strom. Etwa hundert Fahrgäste waren nach Angaben des Deutschen Bahn betroffen.
Foto: WP
Lebensgefährliche Evakuierung: Nachdem ein Oberleitungsschaden am Donnerstag die S8 in Gevelsberg gestoppt hatte, musste die Feuerwehr 100 Fahrgäste evakuieren. Dabei standen Lokführer und Feuerwehr vor einer schweren Entscheidung – denn die Fahrgäste schwebten in doppelter Lebensgefahr.

Gevelsberg. Nur mit jeder Menge Glück ist es am Donnerstag bei einem Zugunglück in Gevelsberg nicht zu Toten und Verletzten gekommen. Eine S-Bahn, die von Hagen in Richtung Mönchengladbach mit rund hundert Menschen unterwegs war, wurde evakuiert, obwohl abgerissene Oberleitungen auf ihrem Dach lagen und der Schienenverkehr noch nicht gestoppt wurde. Die Fahrgäste, die zu Fuß zum nächsten Bahnsteig gehen mussten, hätten von einem entgegenkommenden Zug erfasst oder bei einem Griff an einem unter Spannung stehenden Teil der S-Bahn von einem Stromschlag getötet werden können.

Die S-Bahn der Linie 8 war von Hagen nach Mönchengladbach unterwegs. Es handelte sich um eine so genannten Doppel-Zug. Zwei Einheiten werden aneinander gekoppelt, ohne einen Übergang für Passagiere zu haben. Kurz vor 11 Uhr erreichte die Bahn den Haltepunkt Gevelsberg-Kipp. Bis dahin war es eine normale Fahrt. Der Lokführer fuhr Richtung Gevelsberg-West, einem nur wenige hundert Meter entfernten Bahnhof, weiter. Plötzlich entdeckte er, so erklärte er später das Unglück der Gevelsberger Feuerwehr, einen Schaden an der Oberleitung und leitete eine Notbremsung ein.

Dabei wurden die stromführenden Kabel abgerissen und berührten die Waggons. „Unsere Leute lernen in der Feuerwehrschule, solch einen Zug nicht zu berühren. Selbst im Notfall, wenn zum Beispiel auf dem Dach ein Mensch liegt, der die Oberleitung berührt hat“, so Gevelsbergs Feuerwehrschef Rüdiger Schäfer.

Lokführer stand unter Handlungsdruck

Der Lokführer stand aber unter einem enormen Handlungsdruck. „Er sagte, es hätte in dem Teil des Zuges, den er überblicken konnte, Funkenflug gegeben und auch gequalmt“, bestätigte Schäfer die Aussagen einer Augenzeugin. Der Notruf um 11.01 Uhr an die Feuerwehr habe auch gelautet: „Feuer im Zug“. Was sollte der Mann im Führerstand tun? Die Menschen in den Waggons lassen, auf die Gefahr hin, dass sie ersticken könnten? Die Türen öffnen, obwohl die Möglichkeit bestand, dass die Fahrgäste auf der Flucht vom Strom erschlagen werden? Nichts tun und auf die Feuerwehr warten?

Die Karte in größerer Auflösung...

„Die Zugführer sind anscheinend auf einen solchen Fall von der Bahn nicht vorbereitet worden“, mahnt Schäfer an. Er hat inzwischen das Bahnmanagement aufgefordert, sich darum zu kümmern: „Es kann doch nicht alles an einem schlecht bezahlten Bahnangestellten hängen bleiben.“ Mehr noch: „Auch ich hätte in diesem Augenblick nicht genau gewusst, was zu tun wäre“, räumt Rüdiger Schäfer ein und fügt sarkastisch hinzu: „Vielleicht sollte ich als Vorgesetzter selbst an die Tür fassen und prüfen, ob sie unter Strom steht?“

Menschen hätten von Zug erfasst werden können

Der Lokführer traf die Entscheidung, die Türen des ersten Zugteiles zu öffnen und die Passagiere heraus zu lassen. Er hatte damit auf die richtige Karte gesetzt. Aber: „Eigentlich geht das gar nicht“, so Schäfer. Die Tür stand zum Glück nicht unter Strom. Die Menschen wurden dann nicht in Richtung des nur wenige Meter entfernten Haltepunkts Kipp, sondern nach Gevelsberg-West über die Gleise geschickt, auf denen ihnen noch ein Zug entgegen kommen konnte. Drei Schüler machten sich aus eigenem Antrieb auf den Weg nach Kipp. Sie sagten später, sie hätten die Türen eigenmächtig aufgedrückt.

Als die Gevelsberger Feuerwehr, die von Kräften aus Ennepetal, Schwelm und Witten verstärkt wurde, waren Menschen nur noch im hinteren Teil des Zuges. „Mit ihnen konnten wir uns wegen der gefährlichen Lage nur mit Klopfzeichen verständigen. Eine Panik hat es aber wohl nicht gegeben“, so Rüdiger Schäfer über seine Beobachtungen. De Gevelsberger Feuerwehr hat dann erst einmal die Hilfe geleistet, die man ohne Zeitdruck einleiten konnte. „Als wir kamen haben wir weder Rauch noch Funkenflug gesehen. Es roch nur verschmort. Wir wissen nicht wo das Feuer oder der Qualm hergekommen sind. Merkwürdig war nur, dass ein Fenster in dem Zug offen war. Meines Wissens können die Fenster in modernen S-Bahnen nicht mehr geöffnet werden“, so Schäfer im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die S-Bahn wurde am Anfang und Ende geerdet. Die Feuerwehrleute legten Notfalltreppen an, auf denen die Menschen mehr oder weniger bequem aussteigen konnten. Der Bahnverkehr auf der S-Bahn-Strecke war noch bis in die Abendstunden unterbrochen. Die Züge wurden über die Fernstrecken von Hagen über Ennepetal nach Schwelm umgeleitet. Die Gevelsberger Stationen fuhr ein Bus an.

 
 

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