Ergreifender Bericht aus Tschernobyl

Vera Vaschtschyla und Iwan Borschtschow.
Vera Vaschtschyla und Iwan Borschtschow.
Foto: WP
Vera Vaschtschyla erzählte Neuntklässlern des Reichenbach-Gymnasiums Ennepetal von ihren Erlebnissen rund um die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, die sich am heutigen Freitag vor 27 Jahren ereignete. Sie und ihre Familie waren von den Ereignissen unmittelbar betroffen.

Ennepetal.  Was Vera Vaschtschyla zu erzählen hat, steht in keinem Geschichtsbuch. Obwohl die ganze Welt heute vor 27 Jahren mit stockendem Atem auf die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl blickte, weiß bis heute kaum jemand, was wirklich geschah. Die 51-Jährige hat es erlebt, am eigenen Leib erfahren. Sie wohnte damals nur drei Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt, ihr Mann arbeitete dort. Der 26. April 1986 hat ihr Leben verändert, auch wenn ihr das erst viel später bewusst wurde.

Über ihre ganz persönlichen Eindrücke, wie alles heruntergespielt, sie im Ungewissen gelassen wurde, erzählte sie nun Schülern des Reichenbach-Gymnasiums. Sie und ihr Übersetzer Iwan Borschtschow waren im Rahmen der Europäischen Projektwoche „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ als Zeitzeugen zu Gast. Ziel sei es, die Jugendlichen ins Sachen Atomkraft zu sensibilisieren „und zwar aus erster Hand, durch einen emotionalen Zugang“, so der stellv. Schulleiter Andreas Pesch. Und das gelingt Vera Vaschtschyla.

im Klassenraum ist es ganz still

Als die Ukrainerin zu erzählen beginnt, ist es mucksmäuschenstill im Klassenraum. Gebannt hängen die Neuntklässler an ihren Lippen, lauschen den Worten einer Frau, die viel verloren hat und noch immer Leid und Trauer empfindet, wie sie selbst zugibt. Mitten in der Nacht, 1.23 Uhr, hatte sich die Katastrophe ereignet. Stunden später, gegen Mittag, ging Vera Vaschtschyla durch ihre Stadt Pripjat. „Alles war wie immer“, erinnert sie sich. Später hatte sie erfahren, dass zu diesem Zeitpunkt die Stadt längst abgeriegelt war. Niemand durfte rein oder raus. Erst gegen Nachmittag sei das Gerücht aufgekommen, das etwas passiert sei. Gewusst hatte niemand etwas. „Im Dunkeln konnte man ein rötliches Licht über dem Kraftwerk sehen, es sah aus wie bei einem Sonnenaufgang.“ Niemand habe die Gefahr gespürt, niemand habe sie gewarnt. „In der folgenden Nacht klopfte es an die Tür. Es waren zwei Ärzte, die uns eine große weiße Tablette mit braunen Flecken gegeben haben.“ Für sie und ihren Mann eine ganze, eine halbe für ihren drei Jahre alten Sohn. „Sie sagten, es habe eine Panne beim Atomkraftwerk gegeben. Mehr nicht.“

Am nächsten Tag sei im Radio die Durchsage gekommen, dass die Stadt evakuiert werde, jeder solle nur das Nötigste mitnehmen und Verpflegung für drei Tage. Die Busse kamen eine Stunde später. Pripjat hatte 50.000 Einwohner. „Die Kolonne war 15 Kilometer lang, wir fuhren Stunden umher.“ Von Dorf zu Dorf, nach und nach stiegen die Leute aus, wurden von Menschen am Straßenrand aufgenommen. Zwei Wochen später lebten sie noch immer in dem kleinen Haus der Familie, die Vera Vaschtschyla mitgenommen hatte. „Erst dann wurde uns klar, dass es kein Zurück mehr gab.“

Vera Vaschtschylas Ehemann arbeitete auch nach der Katastrophe weiter im Kraftwerk, das Dorf, das vorerst ihre neue Heimat war, lag nur 35 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Ihr Ehemann war Schweißer, er wurde für die Aufräum- und Reparaturarbeiten gebraucht. Ihre Mutter musste auch dort helfen. Viele taten das, über die Risiken seien sie nicht aufgeklärt worden. Liquidatoren hatte man solche Menschen genannt, erzählt sie mit monotoner Stimme.

Beide sind schon lange tot. Ihr Mann starb 2005 im Alter von 44 Jahren, ihre Mutter bereits sechs Jahre nach dem Unglück, sie war 48 Jahre alt. Vera Vaschtschyla Sohn ist mittlerweile 30 Jahre alt, er hat wie sie Schilddrüsenprobleme. Die Mutter seiner Braut wollte ihn nicht zum Schwiegersohn, weil er ein Mann ist, der aus der Tschernobyl-Zone stammt. Die Angst sei noch immer groß, vor Fehlgeburten, vor Krankheiten. Drei ihrer Familienangehörigen, die alle in Pripjat lebten, kämpfen derzeit um ihr Leben und gegen den Krebs. Vera Vaschtschylas Stimme bebt, ihre Hände sind fest ineinander verschränkt, sie vermeidet den direkten Blickkontakt. Sie muss sich konzentrieren und erzählt weiter.

Monate später, im August, hatten sie eine Liste mit Arbeitsplätzen erhalten, jeder aus Pripjat konnte sich einen aussuchen, auch den Ort, wo sie leben wollten. Alle Jobs waren bei Unternehmen, die Elektrizität produzieren.

Sie entschieden sich für eine kleine Stadt nahe Minsk. Vera Vaschtschyla arbeitet dort noch immer, sie hat einen neuen Ehemann, das alte Leben wird sie aber nie hinter sich lassen. Sie weiß nicht, wer Schuld hat, warum man ihnen nicht eher geholfen hat. Und erst durch ihre Reisen durch Deutschland weiß sie mehr über das Unglück. In ihrem Heimatland Ukraine werde das Thema nicht sehr aufgearbeitet, erklärt sie. Vieles bleibe im Ungewissen.

Sie will nicht den Mantel des Schweigens über das Ereignis legen, die Tatsachen verhüllen. So wie es damals bis heute geschehen sei und auch mit ihrer Stadt passiert sei. Von Pripjat ist nichts mehr übrig. Die Holzhäuser sind von Erde bedeckt, weil sie noch immer strahlen. Ein großes Sperrgebiet. Einzig einige Apfelbäume sind hier und da zu sehen.

 
 

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