Deutsche Islamisten im Irak - warum sind sie so radikal?

Bilder der Verwüstung nach dem Selbstmordanschlag in Bagdad.
Bilder der Verwüstung nach dem Selbstmordanschlag in Bagdad.
Foto: dpa
54 Menschen starben vor wenigen Wochen bei einem Selbstmordanschlag in Bagdad. Der Täter war "mit großer Wahrscheinlichkeit", sagt NRW-Innenminister Jäger, ein 21-Jähriger aus Ennepetal. Nicht der einzige Deutsche, der den IS-Terror unterstützt. Aber was radikalisiert diese Menschen so sehr?

Ennepetal/Bagdad. Fast acht Wochen sind seit dem Selbstmordanschlag der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) in der irakischen Hauptstadt Bagdad vergangen, bei dem 54 Menschen starben. Noch immer können die Behörden nicht mit Sicherheit sagen, dass es sich bei dem Attentäter mit dem Kampfnamen Abu al-Kaakaa al-Almani um einen 21 Jahre alten Ennepetaler handelt - wie es die Westfalenpost in ihrer Printausgabe und ihrem Online-Portal berichtet hatte. NRW-Innenminister Jäger spricht aber mittlerweile davon, dass „mit großer Wahrscheinlichkeit“ der türkische Mitbürger aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis der Fahrer war, der am 19. Juli mit einem Auto in einen Checkpoint im Süden der Stadt fuhr.

In Jeans und Lederjacke in Anwaltskanzlei

Was treibt einen jungen Mann dazu, sich so zu radikalisieren, dass er in den bewaffneten Dschihad zieht? In Ennepetal herrscht Rat­losigkeit. Der 21-Jährige kickte in verschiedenen Jugendmannschaften des TuS Ennepetal und wird von ehemaligen Mitspielern und Trainern als „völlig normaler“ junger Mensch beschrieben, der sich allerdings in den vergangenen Monaten verändert habe.

Rechtsanwalt Dietmar Welt hat den Ennepetaler in zwei Verfahren vor dem Amtsgericht Schwelm vertreten. Über den Inhalt will er wegen der anwaltlichen Schweigepflicht nicht reden. Aber er kann sich an einen Mandanten erinnern, der in Jeans und Lederjacke in seine Kanzlei kam. „Ein ganz normaler, unauffälliger, junger Mann“, sagt er, „ein umgänglicher Typ.“

Körperverletzung und versuchte Nötigung

Nach Informationen der Funke Mediengruppe stand der 21-Jährige im September 2013 wegen Körperverletzung und versuchter Nötigung vor Gericht – nach einer Schlägerei in einer Diskothek. Er erhielt eine Verwarnung, musste 500 Euro an das Opfer zahlen und wurde zu einem Anti-Gewalt-Training verpflichtet. Den Kursus soll er mit Erfolg absolviert haben.

Im Februar 2014 musste er sich wieder verantworten. Weil er eine Abfahrt verpasst hatte, hatte er seinen Wagen auf einer Autobahn gewendet und war auf dem Standstreifen zurückgefahren. Das Amtsgericht Bochum ordnete im September 2013 den Führerscheinentzug an. Bei der Strafsache vor dem Amtsgericht Schwelm im vergangenen Februar wurde er zu einer Geldstrafe von 70 Tagessätzen à 10 Euro verurteilt. Sein Führerschein wurde für weitere acht Monate entzogen. Das Fahrverbot galt also noch, als er als mutmaßlicher Selbstmordattentäter mit einem Pkw in den Checkpoint in Bagdad fuhr.

In kürzester Zeit zum Fanatiker geworden

Menschen im Umfeld des Ennepetalers erzählen, dass er Anfang Juni plötzlich verschwand. Zuvor, in den ersten Monaten dieses Jahres, muss er sich grundlegend verändert haben. Er lief mit einem weißen Gewand und einem Bart umher und tauchte in die salafistische Szene in Wuppertal ein, in der der Hassprediger Pierre Vogel Anhänger um sich scharte. Angehörige und Freunde verfolgten seine Spur – sie verlor sich in der Türkei.

Wie die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichtet, muss der junge Mann in kürzester Zeit zu einem fanatischen IS-Anhänger geworden sein. Sie zitiert Verfassungsschutzchef Maaßen: Der Ennepetaler sei „ein Beispielsfall“ für eine Radikalisierung. Reporter haben jenen Mann in einem irakischen Gefängnis aufgespürt, der dem 21-Jährigen vor dem Attentat Anweisungen gegeben haben will. Es seien ganze vier Stunden zwischen dessen Ankunft in Bagdad und dem Anschlag vergangen.

Eltern betreiben Imbiss in City von Ennepetal

Seine Eltern betreiben weiterhin einen Imbiss in der Ennepetaler Innenstadt. Seit durchsickerte, dass es sich bei dem Selbstmordattentäter wohl um ihren Sohn handelt, leiden sie. „Uns geht es sehr schlecht. Wir wollen uns nicht öffentlich dazu äußern“, sagte der Vater gestern, an den Medien aus der ganzen Republik herantreten. Angeblich soll die Familie kurz nach dem Anschlag ein Anruf ereilt haben. Ein Unbekannter soll gesagt haben, ihr Sohn sei tot.

Die Familie trauert, lebt aber in Ungewissheit. Angeblich soll sich der Sohn bei ihnen per E-Mail aus Syrien gemeldet haben. „Kein Kommentar“, sagt der Vater. Gleichzeitig ist eine Mail von jedem zu fälschen. Vor allem aus muslimischen Kreisen ist zu hören, dass der Ennepetaler noch lebe. Andere wollen ihn auf Fotos des maskierten Attentäters, die im Internet kursieren, mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ erkennen.

Staatsanwaltschaft ermittelt weiter

Die Staatsanwaltschaft Dortmund ermittelt weiter wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Die SZ schreibt, dass von dem Attentäter „nichts geblieben“ ist, „nicht einmal sterbliche Überreste, keine DNA“. Das Auswärtige Amt hatte schon vor Wochen gegenüber dieser Zeitung davon gesprochen, dass bis zu einer Todesbestätigung sehr viel Zeit vergehen kann.

 
 

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