Der letzte Staranwalt ist 90 Jahre

Mit Nachbarn, Kindern, Enkeln und Urenkeln feierte der Staranwalf Rolf Bossi seinen 90. Geburtstag in Gevelsberg.
Mit Nachbarn, Kindern, Enkeln und Urenkeln feierte der Staranwalf Rolf Bossi seinen 90. Geburtstag in Gevelsberg.
Foto: WP

Gevelsberg.  Er ist vielleicht der letzte Jurist, auf den die Berufsbezeichnung „Staranwalt“ zutrifft. Er ist der prominenteste Gevelsberger Einwohner, obwohl ihn alle für einen Münchner halten: Rolf Bossi feierte gestern seinen 90. Geburtstag. Im Kreis von Nachbarn, Kindern, Enkeln und Urenkeln wurde viel gelacht. Denn der Mann, der vor Gericht so angriffslustig seine Mandanten verteidigte, ist privat ein Mensch mit tiefsinnigem Humor.

Ortswechsel aus Liebe

„Gevelsberg hält den Vergleich gut aus“, antwortet Rolf Bossi auf die Frage, ob er den Umzug von der Isar- an die Ennepe-Metropole je bereut hat. Aus Liebe zu seiner Frau Ingrid fand der Ortswechsel statt. „Eigentlich wohnt er schon 25 Jahre hier“, sagt die 77 Jahre alte Gevelsbergerin. Vor elf Jahren hat das Paar geheiratet, „seit vier oder fünf Jahren ist mein Mann offizieller Bürger des Ennepe-Ruhr-Kreises.“

„Die heimlichen Jahre waren die schönsten“, kommentiert ihr Mann unter dem fröhlichen Lachen seiner Gäste und wünscht sich beim Ausblasen der Kerzen: „Dass wir immer zusammen bleiben.“ Seine Ingrid hat der Staranwalt vor Gericht kennengelernt. Wie viele andere Menschen auch. Die Schauspielerin Ingrid van Bergen hat er dort genauso vertreten wie Romy Schneider. Einige der spektakulärsten Prozesse des vergangenen Jahrhunderts tragen seine Handschrift. In ihren filmischen Dokumentationen ist seine donnernde Stimme zu hören. Den Entführer von Richard Oetker, Dieter Zlof, hat er vertreten. Dieter Degowski, einer der beiden Täter beim Gladbecker Geiseldrama, war sein Mandant. Die DDR-Grenzer im so genannten Mauerschützen-Prozess vertrauten auf ihn. Egal, ob der Fall in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert wurde, egal, ob es schien, dass der Prozess nicht zu gewinnen war, Rolf Bossi ging ihm nicht aus den Weg.

Das brachte den Juristen nicht nur in die Schlagzeilen. Er war auch ein ständiger Gast in Talkshows und wirkte 1971 sogar in der „Tatort“-Folge „Der Richter in Weiß“ mit. Er spielte, was er so gut beherrschte: einen Anwalt.

Wenn er heute gefragt wird, welches Urteil die größte Enttäuschung für ihn als Juristen gewesen sei, dann kommt nach einem kurzen Nachdenken eine überraschende Antwort: „Das im Fall von Jürgen Bartsch“. Im Fall des vierfachen Kindesmörders erreichte Rolf Bossi die Aufhebung der lebenslangen Zuchthausstrafe, die das Landgericht Wuppertal verhängt hatte. Bartsch wurde vom Bundesgerichtshof zu zehn Jahren Jugendstrafe und einer anschließenden Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt. Um der zu entgehen, ließ Bartsch sich kastrieren und starb bei der Operation.

Nie wie ein Star gelebt

Sein Anwalt ist durch den Fall berühmt geworden. „Mit etwas Gutem können sie keinen Erfolg haben“, kommentiert er das aus seiner heutigen Sicht, allerdings nicht verbittert. Danach sei er prominent gewesen: „Ich habe seitdem ruhig schlafen können.“ Dabei sei ihr Mann, so Ingrid Bossi, keiner, der wie ein Star in der Robe gelebt habe: „Wir haben bei unseren vielen Dienstreisen nie in Luxusherbergen übernachtet.“

Mit Bürgermeister Claus Jacobi gratulierte gestern auch ein Jurist Rolf Bossi zum Geburtstag. Zum ersten Mal waren sich die beiden Männer in einer Justizvollzugsanstalt in Köln begegnet. Jacobi: „Es war 2002, ich ein junger Anwalt und hatte eine Pflichtverteidigung übertragen bekommen.“ Vor den Spinten habe plötzlich der Staranwalt Rolf Bossi vor ihm gestanden. „Ich habe ihn natürlich gegrüßt“, sagt Jacobi und Bossi habe geantwortet: „Guten Tag, Herr Kollege.“ Claus Jacobi gibt gerne zu, dass er danach seine Freunde und Bekannten angerufen hat. „Ich habe denen gesagt, der Rolf Bossi hat mich Kollege genannt.“ Der hört mit einem Gläschen Sekt vor sich genau zu, hebt den Finger und kommentiert, wie er die Rollenverteilung sieht: „Gleicher unter gleichen.“

Und noch heute werden seine Nachbarn gefragt, ob sie den Staranwalt nicht überreden können, einen Fall zu übernehmen. Aber der hat vor zwei Jahren seine Anwaltszulassung zurückgegeben.

 
 

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