Der Klimawandel wird zum Pflanzenkiller

Andreas Gruber

Schwelm.  Der Klimawandel und dessen Folgen für unsere Breitengerade sind keine düstere Zukunftsprognose von Pessimisten, sondern längst Wirklichkeit und ein gewichtiges Thema auch in Schwelm. Der Beleg dafür: unsere Stadtbäume.

„Die Menschen denken beim Klimawandel immer an Dürrehitzen und Temperaturen wie in der Wüste. Tatsächlich zeigt sich der Klimawandel aber in immer längeren Zeiten von Trockenheit, und das ist bei uns bereits der Fall“, erklärt Achim Stockermann, Leiter der Abteilung Stadtgrün bei den Technischen Betrieben Schwelm, und ist damit gleich mitten im Thema. „Wenn früher irgendwo in der Stadt ein Baum gepflanzt werden musste, dann hatte man sich einfach eine Sorte ausgesucht und sie in den Boden gesetzt.“ Das sei bis vor einigen Jahrzehnten auch überhaupt kein Problem gewesen. Da hätten für Stadtbäume noch gute Bedingungen geherrscht.

Inzwischen aber nicht mehr. Die Gründe: Siedlungsräume wurden immer mehr verdichtet, die Straßen immer breiter, und das Wetter spielt mehr und mehr verrückt. Die Folge sind hohe Windgeschwindigkeiten zwischen zugebauten Häuserfronten, die mit bis zu 140 Stundenkilometern auf die Baumkronen drücken, wie Achim Stockermann erklärt. „Dass ist wie bei einem Trichter, eine Art Düsen-Effekt.“ Alle großkronigen Bäume würden in den nächsten Jahren Probleme bekommen.

Die Folge der Siedlungsverdichtung sind aber auch zugepflasterte Flächen und immer mehr Leitungen im Untergrund, die den Wurzeln ihren Lebensraum nehmen. „Das ist der Todesstoß für die meisten Bäume hier“, so Stockermann. Ist die Biosphäre erst einmal in Mitleidenschaft geraten, wächst zudem der Schädlingsdruck. Das Umfeld wird dann mehr und mehr zum Pflanzen-Killer. Nicht nur in Schwelm, wie Achim Stockermann betont, aber eben auch hier.

Waldbäume wie früher machen innerstädtisch keinen Sinn mehr, sagt Achim Stockermann und erinnert sich: „Vor Jahren hieß es in den Ausschüssen immer: Pflanzt doch bitte heimische Bäume an. Ich habe dann immer geantwortet: Wir brauchen keine heimischen Bäume, wir brauchen standortgerechte Bäume“. Inzwischen sehen Verwaltung und Politik das genauso. Seit 15 Jahren etwa, schätzt Stockermann, werden in Schwelm neue Stadtbäume vornehmlich nach Standortkriterien ausgesucht.

Eine Wissenschaft für sich

Die Suche danach ist eine Wissenschaft für sich. Baumschulen haben sich darauf spezialisiert, die Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz (GALK), der Zusammenschluss kommunaler Grünflächenverwaltungen, gibt seit Jahren Listen geeigneter Straßenbäume heraus. Welche Sorte ist trockenheitsverträglich, welche hitzebeständig, welche kommt mit wenig Wasser aus?

Doch selbst die robustesten Gewächse sind machtlos, wenn deren Wurzeln keinen Platz mehr zum Wachsen haben. Aus diesem Grund spielen bei Neupflanzungen immer mehr auch städtebauliche Aspekte eine Rolle – wie zuletzt bei den Neupflanzungen an der Potthoffstraße oder an der Lohmannsgasse, wo für die Säulen-Hainbuchen gleich ausreichend große Wurzelgräben mitangelegt wurden. Die werden später nicht zugepflastert, sondern mit luftdurchlässigen Elementen abgedeckt. „Bäume brauchen in der Tiefe ein luftiges Milieu“, erklärt Stockermann.

Nicht nur das untere Ende des Baumes, auch das obere ist mitentscheidend für die richtige Wahl. Innerstädtisch werden in Schwelm im Grunde nur noch Sorten mit kleinen, möglichst säulenförmigen Kronen gepflanzt, so wie die Gleditschien im Neubaugebiet am Winterberg. Sie sind weniger sturmanfällig und versperren im Straßenverkehr nicht die Sicht. Weiterer Vorteil: Sie sind streusalz-unempfindlich. Wie Bäume ausschauen, die das nicht sind, sei bei den Kastanien an der Göckinghofstraße zu beobachten, berichtet Achim Stockermann. „Im Spätsommer sehen die schon aus wie im Herbst.“ Gut geeignete Stadtbäume, die in Schwelm auch gerne gepflanzt werden, sind Amberbaum (steht z.B. an der Gleisschleife und an der Kreuzung Milsperstraße/B 7), Hopfen-Buche (nahe der Aral-Tankstelle an der Barmer Straße), Feld-Ahorn (Wilhelmspark), Blumen-Esche (Parkanlage Alter Friedhof) und Ginkgo (Hauptstraße, an der Kita Zamenhofweg).

TBS-Abteilungsleiter Achim Stockermann betont, dass der Erhalt von Bäumen immer Vorrang hat. „Wir versuchen, alle so lange wie möglich am Leben zu halten, und es ist toll, wenn es klappt. Aber es klappt leider immer seltener.“