„Demokratie ist kein Geschenk“

Schwelm..  Es gibt kaum noch Zeitzeugen, die von der NS-Diktatur in Schwelm berichten können. Auszüge aus einem Tagebuch von Pastor Becker nach einem Buch von Klaus Peter Schmitz zeigen jedoch, dass das NS-Regime bis zum Kriegsende auch Widerstand in Schwelm geleistet hat.

Der Tagebuchauszug vom 13. April 1945 markiert mit dem Einzug alliierter Truppen das Kriegsende in Schwelm. Als Erstes wird die Bandfabrik Schnippering am Bandwirker Weg in Brand gesetzt. Kurz drauf liegt auch die Innenstadt unter Granatfeuer. Am Nachmittag gegen fünf Uhr kommen die amerikanischen Panzer an der Schwelmer Stadtgrenze zum Stehen, nachdem sie von deutschen Truppen unter Beschuss genommen werden.

Große Not auch in Schwelm

Am 14. April wird Schwelm durch die Alliierten Truppen befreit. Der Zweite Weltkrieg ist mit dem Einzug der Amerikaner auch längst im Ennepe-Ruhr-Kreis angekommen und forderte nach sechs Jahren eine erschreckende Bilanz: Weltweit hat der Krieg rund 60 Millionen Menschenleben gefordert. An diese schreckliche Zeit von Krieg und Massenvernichtung erinnerte Bürgermeister Jochen Stobbe mit einer Gedenkstunde zum Kriegsende vor 70 Jahren im Haus Martfeld.

Der 8. Mai markiert die Kapitulation der Wehrmacht und damit das Ende des Krieges in Europa. „Je mehr Zeit vergeht, desto unvergesslicher und unbegreiflicher erscheinen uns die Ereignisse“, sagte Stobbe. Er erzählte, dass neben den Millionen Opfern und deutschlandweiten Zerstörungen durch Bomben auch die Notlage in Schwelm in dieser Zeit ganz groß gewesen sei. Es fehlte an Lebensmitteln und Wohnraum, Tausende waren damals in der Kreisstadt obdachlos.

Ein Ort der Zuflucht bot dazu das Schloss Martfeld. Die damaligen Besitzer der Wasserburg um die Familie von Elverfeldt boten Flüchtlingen hier einen Wohnraum an. Waltraud Kratz kann sich noch ganz genau an die damalige Zufluchtsstätte erinnern. Ihre Familie musste aus dem schlesischen Leobschütz flüchten und ist auf Martfeld geboren worden. „Es war eine schöne Gemeinschaft und mit den anderen Flüchtlingen bildeten wir im Haus Martfeld eine große Familie“, sagte die Zeitzeugin. „Ich bin der Familie Elverfeldt dafür auf ewig dankbar.“

Für musikalische Begleitung der Gedenkstunde sorgte die Musikschule unter Leitung von Kaung-Ae Lee mit ihren Schülern Simon Meisen (Klavier) und Anke Meisen (Querflöte). In Redebeiträgen zitierten Pressesprecherin Heike Rudolph und Kulturbüroleiterin Gabriele Weidner Erinnerungen von Ralph Giordano, Coco Schumann, Gerhard Zwerenz, Carola Stern, Barbara Rütting und Georg Stefan Troller.

Bürgermeister Stobbe forderte am Schluss dazu auf, die Demokratie zu verteidigen: „Demokratie ist kein Geschenk, Demokratie müssen wir uns stets aufs Neue erarbeiten, um den Frieden zu sichern. Lassen Sie uns unsere Demokratie beschützen, damit sie uns beschützen kann.“ Er forderte auf, diese schrecklichen Ereignisse nicht zu vergessen und weiterhin darüber zu sprechen.

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