Chormusik erklingt in der Kneipe

Belcantos 2.0 im Haus Martfeld mit Verstärkung: Julian Schaib und Miriam Schwarm (unten rechts) sowie Pianist Christian Schnarr.
Belcantos 2.0 im Haus Martfeld mit Verstärkung: Julian Schaib und Miriam Schwarm (unten rechts) sowie Pianist Christian Schnarr.
Foto: WP

Schwelm..  Kaum irgendwo hat die eigentlich recht ausgelutschte Phrase „Stillstand bedeutet Rückschritt“ eine derartige Bedeutung wie bei Chören und Gesangvereinen. Zusammen im Verein zu singen steht nicht in hohen Regionen auf der Liste der liebsten Freizeitbeschäftigungen bei jungen Leuten. Chor ist nicht sexy. Die Kunst ist, das als leidenschaftliche Sänger zur erkennen und dem gegenzusteuern: Belcantos 2.0.

Ständig selbst hinterfragen

Nikolai Kertesz, der 1. Vorsitzende des Belcantos-Chors aus Schwelm, erklärt, was sich hinter „Zwei-Punkt-Null“ verbirgt: „Gerade in unserem Metier müssen wir – Sänger und Vorstand – uns ständig selbst hinterfragen, ob wir noch den Zeitgeist treffen.“ Das neueste Ergebnis dieses Prozesses in seinen eigenen Reihen: Die Belcantos gehen raus aus Kirchen und den üblichen Orten für Chorkonzerte und treten zusätzlich an Stätten auf, wo Chorgesang nicht zum Standardprogramm zählt. Der Auftakt fand bereits im Haus Martfeld statt und war grandios.

Lange im Vorfeld ausverkauft

„Wir waren lange im Vorfeld ausverkauft, die Menschen haben auf der Wendeltreppe gestanden und sind total begeistert mitgegangen. Das war einfach toll für uns. Schließlich ist der Applaus des Künstlers Lohn“, ist Nikolai Kertesz noch Tage später restlos begeistert von dem Auftaktkonzert für Belcantos 2.0. Doch das ist aus Sicht des Chors erst ein zarter Anfang gewesen. Kneipe, Vereinsheim, Fabrikgelände – die Belcantos wollen dahin gehen, wo man sie nicht erwartet.

Doch allein damit, sich hinzustellen und zu singen, ist es nicht getan, das ist ihnen klar. „Nette Gespräche bei Getränken und Häppchen im Anschluss oder andere Rahmen, die nicht unbedingt bei Chorkonzerten stattfinden, sollen zudem neue Zuhörerschichten erschließen“, sagt der 1. Vorsitzende, der mit seinem Sängerinnen und Sängern natürlich auch am Essenziellen permanent feilt: den Liedern. „Wir müssen authentisch bleiben und Abwechslung bieten“, sagt Nikolai Kertesz. Dazu gehöre traditionelles Liedgut ebenso wie neuere Literatur, Adaptionen aus Pop und Rock, aber vor allem: kein Einheitsbrei.

Hohe Fluktuation

Dies ist im Gesamtgebilde „Belcantos“ nur ein weiteres Puzzleteil, um die Zukunft des Chors langfristig zu sichern. Im vergangenen Jahr baten sie zum Beispiel zur Schnupperprobe. Ergebnis: Zehn neue Sängerinnen und Sänger haben sie in ihre musikalische Gemeinschaft integriert. „Wir haben alle Stimmen gut besetzt“, sagt Kertesz, der aber auch betont, dass jeder, der mitsingen will, selbstverständlich gern vorbeikommen kann. Grund: Das vergleichsweise junge Durchschnittsalter bringt nämlich auch eine hohe Fluktuation mit sich. Studium, Beruf, Familie, die Liebe – mannigfaltige Gründe sorgen dafür, dass immer mal wieder treue Mitglieder die Region verlassen und somit nicht mehr für die Belcantos zur Verfügung stehen.

„Bisher konnten wir dies immer gut kompensieren“, sagt Nikolai Kertesz – wohlweißlich, dass dieser auch mit viel Arbeit zusammenhängt. Denn mit dem Blick nach links und rechts fällt auf, dass andere, ehemals bedeutsame Chöre der Region, die dieses Engagement nicht an den Tag legen, immer mehr um ihre Existenz bangen.

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