Begegnungen mit Menschen ohne Perspektive

Janina Drewes
Der Gevelsberger Olympiapfarrer Thomas Weber ist froh, wieder in seiner Heimat zu sein.
Der Gevelsberger Olympiapfarrer Thomas Weber ist froh, wieder in seiner Heimat zu sein.
Foto: Ralf Rottmann
  • Olympiapfarrer Tomas Weber berichtet von Brasilien
  • Pfarrer begleitet die Deutsche Mannschaft nach Olympia
  • Die Einheimischen konnten sich die Spiele nicht leisten

Gevelsberg. „Ich freue mich, Euch die gefühlt 7500 Bilder zeigen zu können.“ Mit diesen vielversprechenden Worten leitete Pfarrer Thomas Weber seinen Vortrag im Bürgerhaus Alte Johanneskirche in Vogelsang ein. Nachdem er zum dritten Mal zum Olympiapfarrer „auserkoren“ wurde, sprach er nun vor knapp 50 interessierten Zuhörern über seine Erlebnisse und Eindrücke in Rio während der Sommerspiele.

Dabei blickte er auch hinter die Kulissen. Vor allem der symbolische Gegensatz von „Licht und Schatten“ zog sich durch seine gesamte Schilderung. „Rio ist eine Stadt der Gegensätze. Eine faszinierende, wunderschöne Metropole, solange man nicht hinter die Fassaden schaut“, sagt er und man merkt ihm an, wie sehr ihn das Gesehene beeindruckt, aber auch mitgenommen hat.

Als Seelsorger wurde er dieses Mal leider verstärkt gefordert, nachdem der deutsche Kanu-Trainer Stefan Henze bei einem Autounfall tödliche Verletzungen erlitten hatte. Dies war jedoch nicht die einzige Erfahrung, die ihn während seiner Reise nachdenklich gestimmt hat.

„Rio 2016 – a new world“ lautete das Motto der diesjährigen Spiele, die vor sieben Jahren an Brasilien vergeben wurden. War Brasilien damals vielleicht noch ein Land mit großen Hoffnungen für die Zukunft, so wenig gleicht es heute einer „neuen Welt“. Resignation hat sich breit gemacht, Brasilien befindet sich in Webers Augen in einer Krise und die internen politischen Machtkämpfe verschlechtern die Lage für die Bevölkerung nur weiter.

„Ich habe mich mit einer Ärztin unterhalten, die erzählte, dass die Menschen dort unglaublich viel Steuern zahlen, sie selbst zum Beispiel arbeitete bis Juni nur für Steuern. Folglich fragen sich alle: Wo bleibt dann das ganze Geld?“ Korruption. Ein Problem, dass in Brasilien leider mehr Regel als Ausnahme ist.

Generell prägt der erhebliche Unterschied von Arm und Reich das Land. In Rio fände man Favelas, die Armenviertel, direkt neben „Reichenvierteln“, berichtet Weber: „Die Sicherheitslage ist dementsprechend prekär. Während der Spiele patrouillierten überall bewaffnete Soldaten und Polizisten.“ Er zeigt ein Foto eines mit Mauern und Stacheldraht umzogenen Hauses. „Ein ganz normales Anwesen. Stellen Sie sich vor: Jeder Hausbesitzer in Gevelsberg bräuchte so einen Schutzwall. Da merkt man erstmal, was für ein kostbares Gut Sicherheit bei uns ist.“

Besuch in den Armenvierteln

Thomas Weber selbst war mit ein paar Begleitern in den Armenvierteln und hat sich ein Bild gemacht, obwohl ihm von dieser gefährlichen Besichtigung abgeraten wurde. „Es war schon bedrückend, die Menschen dort kennenzulernen, die in solcher Perspektivlosigkeit leben. Die meisten Kinder etwa haben noch nie das Meer gesehen, obwohl es nur 15 Kilometer entfernt ist“, bemerkt er gedankenversunken, fügt allerdings hinzu: „ Wir hatten aber sehr viel Spaß beim gemeinsamen Kicken - Sport bringt Menschen zusammen.“

Dies gilt nicht nur im Kleinen. Auch was Olympia angeht, macht der Pfarrer diese Erfahrung immer wieder. Einige der 450 deutschen Sportler zum Beispiel hat er in den drei Wochen persönlich kennen und schätzen gelernt, sei es während des Fluges, den er gemeinsam mit den deutschen Handballern verbrachte, oder danach im olympischen Dorf. Die Begeisterung dort sei ansteckend: „Für viele geht natürlich ein Traum in Erfüllung und sie genießen ihre Zeit.“ Umso mehr ärgert es ihn, dass in Deutschland so ein Medaillendruck herrscht. Im Vergleich zum Fußball gebe Deutschland kaum Geld für andere Sportarten aus, erwarte aber Leistungen auf höchstem Niveau. „Beides geht nicht. Da muss sich einiges ändern“, appelliert Weber. Der selben Meinung ist er, was die Dopingkontrollen des IOC angeht: „Dass jedes Land selbst dafür verantwortlich ist, ob es seine Sportler ausreichend kontrolliert oder nicht, kann nicht fair sein.“

Tickets unerschwinglich

Ebenso wenig fair fand er die Ticketpreise: „50 Euro für Judo. Für die meisten Einheimischen war Olympia somit nicht erschwinglich.“

Unter anderem deswegen beendet der Pfarrer seine Erzählungen mit kritischen Fragen. Kann man es rechtfertigen, Olympia in einem Land wie Brasilien auszurichten? Ist es nachhaltig, modernste Stadien und Sportanlagen für drei Wochen unter unwürdigen Arbeitsbedingungen zu bauen, die danach stillstehen?

Die Antworten überlässt er mehr oder weniger seinem Publikum – und gesteht: „So spannend meine Reise auch war: Ich bin froh, nun endlich wieder hier zu sein.“

Auch die Gevelsberger scheinen „ihren Olympiapfarrer“ und seine angenehme Art zu reden vermisst zu haben. Aber dank ihm wissen sie jetzt die exklusivsten Details - wie die Tatsache, dass die olympischen Sportpferde ihre eigenen Psychologen haben.