Aus behütetem Elternhaus allein nach Afrika

Miriam Giesen aus Gevelsberg macht nach dem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr in Kamerun, das von Brot für die Welt vermittelt wurde.
Miriam Giesen aus Gevelsberg macht nach dem Abitur ein freiwilliges soziales Jahr in Kamerun, das von Brot für die Welt vermittelt wurde.
Foto: WP

Gevelsberg.  Doppelter Abiturjahrgang, Ansturm auf die Universitäten, Probleme bei der Wohnungssuche – all das sind Gründe für manche Abiturienten, ein freiwilliges soziales Jahr zur Überbrückung der Wartezeit zu absolvieren. Nicht so Miriam Giesen aus Gevelsberg. Für sie ist das FSJ in Kamerun eine Herzensangelegenheit.

„Mir war schon klar, dass ich ein solches Jahr machen will, bevor mir die Probleme des Doppeljahrgangs überhaupt bewusst waren“, erzählt die 18-Jährige, die vor wenigen Wochen ihr Abitur am Gymnasium Gevelsberg bestanden hat. Vor dem Beginn ihres Studiums möchte sie ein Jahr lang eine andere Kultur kennenlernen. Als „Herausforderung“ sieht sie die Zeit in Kamerun.

Erfahrungen im sozialen Bereich sammelte Miriam im Zuge ihres Engagements für die lokalen Gruppen der Menschenrechtsorganisationen Amnesty International und FIAN. So wirkte sie zum Beispiel bei einer Unterschriftenaktion gegen Waffenhandel mit. „Mein Vater ist bei Amnesty International in Schwelm aktiv“, berichtet sie. „Er hat mich da sehr beeinflusst.“

Die vergangenen Wochen und Monate waren für Miriam geprägt durch intensive Vorbereitungen auf die Afrikareise: Impfungen gegen Hepatitis A und B, Gelbfieber und Tollwut, deren Kosten zum Glück die Krankenkasse übernahm. Es folgten ein zweiwöchiges Vorbereitungsseminar in Berlin, Gespräche mit ehemaligen FSJlern und offiziellen Ansprechpartnern. 70 Euro bezahlte sie für das Visum, der Rest der Reisekosten wird von Brot für die Welt übernommen.

Doch warum gerade Kamerun? „Afrika war mein Wunschziel, weil mich die Kultur sehr interessiert.“ Sie hoffe außerdem, dass in Kamerun eine etwas lockerere Mentalität herrsche als hierzulande.

Im Internet stieß Miriam auf eine Initiative von Brot für die Welt, die ihr das FSJ ermöglicht. Die Organisation ist für ihre Unterbringung – einen Monat lang lebt sie bei ihrem Ansprechpartner in Kamerun, danach in einer eigenen Wohnung – und ihr Projekt zuständig. Letzteres beinhaltet die Betreuung eines Jugendzentrums in der Bezirkshauptstadt Kumba der Region Sud-Ouest. Gerade Jugendliche aus armen Familien kommen gern dorthin, weil es dort zum Beispiel Sportangebote gibt, die auch sie sich leisten können. Außerdem besteht für sie die Möglichkeit, ihren Schulabschluss nachzuholen oder eine Ausbildung im Hotelwesen zu absolvieren.

Hilfsangebote wie diese sind in Kamerun unabdingbar. Etwa 48 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, jeder Dritte findet keine Arbeit, Bildung ist ein Luxusgut. Trotz bestehender Schulpflicht ist das Schulwesen kostenpflichtig. Viele Eltern außerhalb der großen Städte besitzen nicht die finanziellen Möglichkeiten, ihren Kindern die nötige Bildung zu ermöglichen. Ein Teufelskreis der Armut. Besonders die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und die damit verbundene Ungleichheit der Bevölkerung stellen ein große Probleme dar.

Auch Korruption ist ein großes Thema in Kamerun. Der Staat übernimmt kaum Versorgungsfunktionen für seine Bürgerinnen- und Bürger – außer, wenn es darum geht, gegen soziale Spannungen und Konflikte vorzugehen. Daher sind oft Schmiergeldzahlungen nötig.

Organisationen wie Brot für die Welt versuchen, auch den am meisten benachteiligten Menschen zu einer Chance auf ein besseres Leben zu verhelfen.

„Ich erwarte gar nicht, dass ich in Kamerun etwas Großes bewege“, sagt Miriam. „Ich hoffe nur, dass ich mich irgendwie einbringen kann.“ Vor allem wünscht sie sich jedoch, dass die Einheimischen und sie voneinander lernen können – und dass vielleicht die ein oder andere Freundschaft das Auslandsjahr überdauert.

Ein mulmiges Gefühl hat Miriam bisher noch nicht. Bei ihr überwiegt die Vorfreude. Über Internetcafés will sie Kontakt nach Hause zu halten. Die Kommunikation in Kamerun selbst läuft über’s Handy.

Gibt es etwas, was sie vermissen wird? „Brot und Käse, aber vor allem Weihnachten mit Schnee und Familie.“