Auch Wanderer lieben das Höhendorf

Ennepetal..  Die Glocke der schönen weißen Kirche hat 12 geschlagen. Es ist Mittag. Die Sonne hatte sich gerade von Wolken befreit. Unser Spaziergang beginnt. Eine Momentaufnahme. Nahe des Feuerwehrhauses zeigt ein Wegweiser nach Hesterberg, Oberhesterberg, Neuenhesterberg, Mittelhesterberg und Nieder-hesterberg.

Man ahnt, der Wegweiser führt vom Dorf in die nahe Ferne. Der Spaziergang führt durch Rüggeberg. Das Dorf scheint ohne Menschen zu sein. Nur von der Hesterberger Straße nähert sich ein Paar. Frau und Mann sind Wandersleut. Der Klang der Kirchenglocken vermischt sich mit Sägegeräuschen und ländlichen Tönen: Kühe muhen.

Die Kirche direkt am Marktplatz, das verspricht Idylle. Ich stehe vor dem Schaukasten der Ev. Gemeinde und lese, dass Pfarrer Mertins bald verabschiedet wird, dass der Chor „Good News“ in der Milsper Kirche singt.

Gute Nachrichten habe ich auch im Kopf, als ein Auto stoppt und Kirchmeister Jürgen Burggräf aussteigt. Ich frage nicht nach Nachrichten aus der Gemeinde, weil ich weiß, dass das Höhendorf nach dem Weggang des Pfarrers gespalten ist, wie Politiker es zu nennen pflegen. Konflikte ausgerechnet hier, wo die Welt so in Ordnung scheint?

Jürgen Burggräf stammt aus Wuppertal und lebt seit 37 Jahren im Dorf. Aus allen vorbei fahrenden Autos wird er freundlich gegrüßt. Der Mann aus der benachbarten Großstadt ist im Dorf angekommen und aufgenommen.

Wir sprechen über das Leben in Rüggeberg. wie schön es hier ist. „Schwer haben es ältere Mitbürger“, sagt Jürgen Burggräf. „Es gibt kein Geschäft mehr in Rüggeberg.“ Sonntags allerdings werden auf dem Marktplatz Brötchen verkauft. Burggräf meint, ein fahrender Lebensmittel-Händler, der regelmäßig wochentags Rüggeberg ansteuere, könnte die Situation verbessern.

Der Spaziergang führt weiter in Richtung Cafe Haus Langenscheidt, vorbei am CDU-Schaukasten, in dem des heißt „Schönen Sommer“. Wenige Meter weiter stehen Milchkannen. Sie erinnern an die Zeiten, als Rüggeberger Bauern große Milchproduzenten waren. Hinter den Kannen steht ein Schild „Getränkemarkt“. Doch den gibt es auch nicht mehr. Der Laden steht zur Vermietung an. An der Grundschule grüßt eine „ABC-Tafel“ im Schaukasten Lernanfänger und Eltern. Es geht vorbei an den schönen Häusern im Schnabeler Weg. Alles wirkt wie ausgestorben. Über die Severinghauser Straße geht es wieder zum Marktplatz. Ich denke an das Cafe Schulte, an die Gaststätte Haus Rose. Das alles ist Geschichte.

Um die Geschichte Rüggebergs kümmert sich auch der Heimatverein. Ein Symbol ist der Schmittenboom, der im Jahre 2004 anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Heimatvereins Rüggeberg errichtet wurde. Er führt „Rüggeberger Ortsteile“ und Bauernschaften auf: Im Dorn, Hiöfer, Peddenöde, Wellenbecke, Mühlinghausen, Severinghausen, Schweflinghausen und Willringhausen.

Europäischer Handel

Die Bauern schmiedeten auch, Fabriken entstanden – und im Zentrum Rüggebergs befanden sich einst große Kontore, die den Handel nach fast ganz Europa lenkten. Im Gedanken stellt man sich vor, wie Postreiter und Postkutschen sich auf die Höhe quälten. Rüggeberg international. Wenige Meter weiter ist Rüggeberg national. Ein Mahnmahl erinnert an die Opfer der Kriege von Königsgrätz bis zum 2. Weltkrieg. Wieder ein Blick in die Historie. Kurz vor Kriegsende kam es noch zu Kämpfen in Rüggeberg. Fallschirmjäger waren beteiligt, wissen ältere Mitbürger. Tote gab es.

Gegenüber dem modernen Feuerhaus befindet sich der alte Friedhof. Ein Bild des Friedens. Die Gedenksteine stammen aus dem 17. Jahrhundert. Fast daneben steht der Haferkasten.

Als ich mit dem Pkw in Richtung Peddenöde fahre, kommen mir wieder Wanderer entgegen – eine fröhliche Männergruppe. Sie wollen nach Rüggeberg und weiter ins Grüne. Das Dorf auf dem Höhenrücken zwischen den Tälern von Ennepe und Heilenbecke gelegen, ist eine bevorzugte Station für Wanderer. Der Reiz: Das Dorf kann sternförmig erwandert werden.

 

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