200 „Kröten“ und eine Entschuldigung

Südkreis, Reptilienstammtisch, das Geschlecht der griechischen Landschildkröten lässt sich an der Unterseite leicht erkennen.
Südkreis, Reptilienstammtisch, das Geschlecht der griechischen Landschildkröten lässt sich an der Unterseite leicht erkennen.
Foto: Annette Siebert

Ennepetal..  Es war wohl der exotischste Prozess des vergangenen Jahres vor dem Schwelmer Strafgericht. Im Mittelpunkt stand ein Testudo-graeca-Männchen, eine maurische Schildkröte, die eine 23-jährige Studentin aus dem saarländischen Limbach bei einem 50-jährigen Ennepetaler erworben hatte.

Allerdings hatte sie sich für eine weibliche Testudo hermanni, ein griechisches Landschildkröten-Weibchen entschieden und fühlte sich über den Tisch gezogen. Das Schwelmer Gericht verurteilte den 16-fach Vorbestraften zu sechs Monaten Gefängnis. Der 50-Jährige legte Berufung ein, so dass sich jetzt auch die 5. Kleine Strafkammer mit den Reptilien beschäftigen musste.

Über Internet hatte der Klutert-städter mehrere Kröten im Alter zwischen elf und 20 Jahren feilgeboten. Per Foto entschied sich die 23-Jährige für Nummer 6 und unterbreitete ein Kaufangebot. Später holte die Studentin, die bereits seit zehn Jahren zwei „Griechen“ hält, das Reptil in Ennepetal ab. Ihr sei versichert worden, es sei ein Weibchen, welches bereits ein Gelege gehabt habe.

Bei einer tierärztlichen Inspektion am folgenden Tag sei sie von einem Fachmann über den Irrtum aufgeklärt worden.

Der Sachverständige war kein anderer als der Veterinär und Direktor des Saarbrücker Zoos, Dr. Richard Francke. Im Zeugenstand sagte er damals: „Bei Hermanni erkennt man sofort das Männchen am langen gedornten Schwanz, bei Graeca ist der Schwanz viel kleiner, wie bei einem griechischen Weibchen, allerdings sieht man bei Graeca ganz klar zwei Hornkegel-Sporen“. Das wisse man aber eigentlich als Züchter. Daher bemängelte der Zoodirektor, dass zudem ganz offensichtlich hier die aus Artenschutzgründen wichtigen Dokumente (Cities-Papiere; eine Art Schildkrötenpass) nicht mit dem Tier zusammen passten. Der mitgegebene Ausweis wies das Reptil falsch als griechisch aus.

Der Angeklagte war sich in Schwelm bis zuletzt keiner Schuld bewusst. Er habe in der Internetanzeige erwähnt, er gewähre keinerlei Garantie auf Geschlecht, da er es selbst nicht bestimmen könne.

Angeklagter gab sich einsichtig

In Hagen gab er sich einsichtig. Er beschränke die Berufung nur auf das Strafmaß. Der Schuldspruch könne als erwiesen angesehen werden. Er kämpfte mit allen Mitteln um eine erneute Bewährung, legte einen neuen Arbeitsvertrag vor, verwies auf seine familiäre Situation und das Wichtigste: Er entschuldigte sich bei der Käuferin und überreichte ihr bar 200 Euro von den von ihr geforderten 400 Euro Schadensersatz für den Kauf des minderwertigen Männchens. Auch wenn die Staatsanwaltschaft weiter sechs Monate Gefängnis beantragte, so gewährte die Kammer dem Ennepetaler schließlich „unter Zurückstellung erheblicher Bedenken“ eine weitere Bewährungschance. Das Urteil wurde rechtskräftig. Und der unerwünschte männliche Maure? Wir fragten bei der Zeugin nach. „Natürlich ist er mir inzwischen ans Herz gewachsen. Nach der Winterruhe habe ich ihn getauft. Er heißt jetzt Helmut“, so die 23-Jährige.

 
 

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