Ziemlich frisch und windig im Taubenschlag

In der Martinikirche befand sich ein Beobachtungsstand. Die Kirche erhielt am 23. März 1945 270 Volltreffer durch Beschuss von der linken Rheinseite.
In der Martinikirche befand sich ein Beobachtungsstand. Die Kirche erhielt am 23. März 1945 270 Volltreffer durch Beschuss von der linken Rheinseite.
Foto: NRZ
Wie ein deutscher Soldat die Endphase des Zweiten Weltkrieges im Raum Emmerich/Rees erlebte.

Emmerich/Rees..  Rüdiger Brinkmann (69) lebt in Fintel in Norddeutschland. Vor einigen Jahren begann er, den Nachlass seine Vaters Karl (Foto) zu ordnen. Dabei stieß er auch auf die Aufzeichnungen eines unbekannten deutschen Soldaten aus der Kompanie Karl Brinkmanns, der damals Spieß war, die Mutter der Kompanie. In dem Tagebuch schildert der Soldat aus seiner Perspektive die Schlussphase des Zweiten Weltkrieges im Raum Rees/Emmerich bis zum Einzug der Kanadier Ostern 1945.

Rüdiger Brinkmann bot die Originale der Kempowski-Stiftung an und faxte Kopien an Paul Seesing nach Emmerich, langjähriger Pfarrer an St. Martini. Denn der Turm der Stiftskirche und die Sakristei spielten im Abwehrkampf der Heimatfront vorübergehend eine Rolle. „Ich fände es schade, wenn die Aufzeichnungen im Papierkorb landen würden“, sagt Rüdiger Brinkmann. Hier Auszüge:

10. Februar 1945: Abmarschbefehl; Neuaufstellung einer Batterie. Der Befehl kommt gegen 19 Uhr. Mit mehreren Kameraden des Lehrgangs bin ich dabei. Werde als B-Offs. eingeteilt.

11. Februar 1945: Die Batterie ist aufgestellt: 2 s.F.H. 18 mot. und 1 russ., mot. Fahrzeuge bespannt. 16 Uhr Abmarsch zum Bahnhof Hamm zur Verladung bei nasskaltem Wetter bis zum Dunkelwerden beendet. Unbeschädigt bringt uns der Zug nach Empel, wo wir um 4 Uhr einlaufen. Dort wegen Jabogefahr beschleunigte Ausladung während der Dunkelheit. Anschließend Marsch bis 1 ½ km vor Rees am Niederrhein. Mittags erhalte ich mit noch einem Kameraden Befehl zur Einrichtung einer B-Stellung in Rees. Wir entscheiden uns nach einigem Suchen für den Rathausturm in Rees mit der besten Beobachtungsmöglichkeit. Lage: Feind mit Panzern Überschwemmungsgebiet bei Kleve sowie Reichswald durchstoßen. Hat weitere Stoßrichtung auf den Rhein zu im Raume Wesel, Rees, Emmerich. Der Nachmittag vergeht mit dem Einrichten der B-Stelle. Beobachtung schlecht, da diesig und regnerisch. Das Rathaus liegt am Marktplatz nur eine Häuserreihe vom Rhein entfernt, der bei der augenblicklichen Überschwemmung über 1 km breit ist. Rees selbst ein typisch niederrheinisches Städtchen, trotz 6 Jahre Krieg und Frontnähe in seiner Unberührtheit verträumend anmutend.

13. Februar 1945: Bei klarem Wetter gute Geländeorientierung. In unserem Taubenschlag ziemlich frisch und windig. Keine Feindbeobachtung, Artillerietätigkeit nur akustisch wahrnehmbar.

14. Februar 1945: Heute Nacht um 2.30 Uhr Bombenabwurf durch einzelne Feindmaschinen. Nächster Einschlag bei unserem Standpunkt westseits des Marktplatzes. Unter den Zivilisten von Rees einige Tote und Verwundete. Akustisches Bild der Artillerietätigkeit verblasst gegenüber den Vortagen – die Auswirkung unserer Gegenstöße im Reichswald. Bei klarem Wetter starke Jabotätigkeit. Abends von 9 ½ bis 11 Uhr wie in der vergangenen Nacht Reihenabwürfe von Moskitobomben auf Rees und Umgebung.

16. Februar 1945: Ich schreibe diese Zeilen in der zerschossenen Martinikirche in Emmerich. Beobachtung auf dem Turm, Unterkunft in der noch bestehenden Sakristei, in der man sich vorkommt wie in der Zeit der Christenverfolgung. Die Martinikirche liegt unmittelbar am Strom. Emmerich ist völlig zerschossen und tot.

19. Februar 1945: Langsam wächst uns ein U-Boot-Bart. Mein Kamerad Karl und ich haben uns geschworen, den Bart bis zur Ablösung stehen zu lassen, hoffentlich wird es kein Vollbart.

21. Februar 1945: Erster Tag bei klarem Wetter mit sehr guter Sicht. Unsere B-Stelle verlegt auf den Wasserturm nördlich Emmerich. Von dort aus tadelloses Blickfeld. Im übrigen herrliche Unterkunft in dem noch unbeschädigten Haus des Wasserturmmeisters.

22. Februar 1945: Befehl in der Nacht v. 21. zum 22.2.: Unsere B-Stellung ist vom Wasserturm an den Westausgang der Stadt (Richtung Hüthum) in ein Bauernhaus am Deich zu verlegen. Dort Beobachtung vom Dachboden aus durch herausgenommene Ziegel. Heute Mittag werde ich für ein paar Ruhetage in der Feuerstellung abgelöst.

8. März 1945: Ich bin wieder als B-Offizier auf der B-Stelle in Kösters Hof an der Westperipherie Emmerichs.

9. März 1945: Heute habe ich Geburtstag. Ausgerechnet schweren Krach mit dem Chef – das Geburtstagsgeschenk des Kommisses. Mit allem Unbill des Schicksals werde ich jedoch heute seit langem durch einen Gruß meiner Lieben daheim versöhnt. Schönere Geburtstage klingen in der Erinnerung auf, glücklichere Stunden an der Seite … und im heimatlichen Kameradenkreis.

10. März 1945: Befehl vom Chef: Der Beobachtungsposten wurde vom Dachboden des Kösterhofes in die unmittelbar gelegene Ziegelei verlegt, wo mit ungebrannten Steinen ein splittersicherer Stand gebaut wird.

11. März 1945: Über dem Rhein Vogelgezwitscher, in der Ferne eine Kirchenglocke, über allem der Sonnenschein eines frühen Frühlingstages.

13. März 1945: Natürlicher und künstlicher Nebel ist so stark, dass keinerlei Beobachtung der Feindseite möglich. Gegenseitiges Störungsfeuer. Die VB-Stelle in der Martinikirche erhält am 14.3. nachmittags 17 Treffer in das Kirchenschiff.

16. März 1945: Starkes Arifeuer des Feindes auf den Raum Emmerich. Unser B-Posten auf der Martinikirche ist erkannt und wird heute mit etwa 100 Schuss Pak und Arifeuer herunter geschossen. In Julius, der beim Hauptbeschuss oben ist, haben wir einen leicht Verwundeten (leichte Kopfverletzungen durch Splitter und Prellungen). Nachdem Theo als letzter nochmals auf den Turm springt und unter Beschuss die Schere gerettet hat, bricht unser B-Stand unter dem Arifeuer mit dem größten Teil der Wendeltreppe zusammen und von der Höhe herunter. Die Beobachtung der VB-Stelle erfolgt nun von der Sakristei durch ein von der Ari in die Außenwand geschossenes Loch.

17. März 1945: Der Feind verbirgt seine Bewegungen hinter starkem künstl. Nebel.

19./20.März 1945: Man rechnet jeden Tag mit einem Angriff des Anglo-Amerikaners über den Rhein in unseren Raum.

22. März 1945: Fast pausenlos den ganzen Tag über fliegen 2 und 4 mot. Verbände ein.

23. März 1945: Ab 16.30 Uhr Trommelfeuer des Feindes auf den Raum etwa 10 km ostwärts Emmerich nach Rees zu, verstärkt durch Jabo-Bomben.

24. März 1945: 10 Uhr Befehl zur Errichtung einer Zwischen B-Stelle bei ´s-Heerenberg. Augenblickliche Lage. Feind hat in Rees, Wesel und Dinslaken Brückenköpfe, bei Bocholt sollen Luftlandetruppen abgesprungen sein.

25. März 1945: In unserem Raum Ariüberfälle, Wirkungsschiessen auf Straße Emmerich-´s-Heerenberg, außerdem besonders heftige Jabotätigkeit und Luftaufklärung, Unbekümmert um das nichtige Tun des Menschen macht die Natur Sonntag bei herrlichem Frühlingssonnenschein.

 
 

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